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Mittendrin, statt nur dabei – fatalist-Mitstreiter im NSU-Prozess aufgetaucht!

Wie sich eine Person aus dem Dunstkreis um den NSU-Aktenleaker fatalist auf der Besuchertribüne im NSU-Prozess selbst enttarnte und einige Gedanken  zu Thomas Mosers lesenswerten Artikel:

„Operation Internet? – Die Fatalist-Gruppe betreibt mehr Desinformation als Information beim Thema NSU“

(Link zu friedensblick.de)

Thomas Moser:
[,,,] Das Wahre ist das Transportmittel für das Unwahre. Es geht dem Verbreiter aber um das Unwahre, das sein zersetzendes Gift freisetzen soll. „Desinformation“ ist nur ein anderer Begriff für „Zersetzung“. Desinformation ist Auftrag und originäres Handwerkszeug aller Nachrichtendienste. Sie versuchen fremde Nachrichten zu generieren und eigene zu kontaminieren. Wie die Stasi so der Verfassungsschutz.
Damit kommen wir zur Gruppe „Fatalist-Arbeitskreis NSU“, die seit einigen Jahren im Internet aktiv ist, zunächst nur unter dem Label „Fatalist“, inzwischen als die bezeichnete Gruppe. Sie postet auf allen möglichen Blogs, betreibt ihre eigenen Webseiten und spuckt Informationen zum Thema „Nationalsozialistischer Untergrund“ fast im Stundentakt aus und gibt vor, Widersprüche aufdecken zu wollen. Daß darunter immer wieder welche sind, die wahr sind und stimmen, ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende sind die unwahren Informationen. Die Fatalistgruppe ist nicht danach zu beurteilen, was sie an Wahrhaftigem abliefert, sondern an Unwahrhaftigem.
[…]

Dass Thomas Moser fatalist mit seinem Netzwerk in die Nähe der Geheimdienste im Allgemeinen und speziell dem Verfassungsschutz bringt ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Bereits seine erste These, nämlich wie fatalist mit seltsamen Blogbeiträgen die Phantombilder zum Mordfall Kiesewetter in ein dubioses Licht rückte und damit dem Verfassungsschutz in die Tasche spielte, ohne dass seine Leserschaft auch nur den geringsten Verdacht hegte, bestätigen Mosers Theorie.

Thomas Moser:
[…] Bemerkenswert dann: Die Bilder ziehen ja die Täterschaft der beiden Uwes in Zweifel. Etwas, was die Fatalistgruppe selber ebenfalls tut und was ihr folglich ins Konzept passen müßte. Doch offensichtlich gibt es noch höhere Interessen, als das NSU-Trio zu entlasten. Vielleicht V-Leute oder Hauptamtliche zu schützen?

Die 14 Phantombilder sind – natürlich – nicht gefälscht. Viele Personen, die mit den Akten zu tun haben, wissen das: Opferanwälte und Abgeordnete zum Beispiel. Phantombild Nr. 14 wurde im Gerichtssaal in München gezeigt. Ich und andere Journalisten haben uns außerdem bei unseren Recherchen von heilbronner Zeugen bestätigen lassen, daß die vorliegenden Phantomzeichnungen tatsächlich aufgrund ihrer Angaben gefertigt wurden und also „echt“ sind. Dennoch hielt die Fatalistgruppe bis zum Sommer 2014 ihre mutwillige Behauptung aufrecht, die Bilder seien gefälscht. Sie tat das in einer Penetranz, die in mir einen Verdacht weckte: Von den Bildern muß offensichtlich eine wichtige Erkenntnis ausgehen, eine Wahrheit. Zeigen sie tatsächlich Personen, die mit der Tat in Zusammenhang stehen? […]

Liest man die frühen Veröffentlichungen von fatalist zu diesem Themenkomplex mit Mosers Theorie im Hinterkopf, so wächst recht schnell die Erkenntnis das fatalist folgenden Verdacht bereits im Keim zu ersticken versuchte:

Thomas Moser:
[…] War also ein V-Mann am Anschlagstag am Anschlagsort in Heilbronn, obendrein in Begleitung von drei anderen Männern?

Wieder zur Fatalistgruppe: Im Frühjahr 2014 wurden ihr nach eigenen Angaben Ermittlungsunterlagen des NSU-Komplexes zugespielt. Zunächst mit Ausnahme der Heilbronn-Akten. Gleichzeitig muß vom Absender eine Vorauswahl getroffen worden sein. Denn „Fatalist“ hat einschlägige Stellen veröffentlicht, auf die sie in einem Aktenmeer mit mehreren 100 000 Seiten unmöglich innerhalb weniger Tage durch eigene Lektüre gestoßen sein kann.
[…]

Ein besonders widerwärtiges Kapitel der gesamten Mord- und Anschlagserie, die dem NSU zugeschrieben wird, ist die Rolle der Ermittler. In allen Fällen wurden die Opferfamilien immer wieder verdächtigt, irgendwie an dem Mord beteiligt gewesen zu sein und zwar jahrelang. Diese traumatisierten Familien sahen sich plötzlich peniblen Ermittlungen gegen sie ausgesetzt. Sie wurden damit konfrontiert, dass ein Familienmitglied entweder ein Kleinkrimineller ist oder tief in die Strukturen der Organisierten Kriminalität verstrickt sein soll. Die Konsequenz daraus: Immer neue Vernehmungen, immer neue, völlig aus der Luft gegriffene Anschuldigungen, der Verlust des Freundeskreises, Familienangehörige und Nachbarn, die sich abwendeten. Damit nicht genug: Durch die falschen Verdächtigungen setzt sich die übliche Abwärtsspirale unaufhaltsam in Gang. Die Gesundheit ist nach jahrelangen Vernehmungen ruiniert, der Arbeitsplatz ist dahin. In Kurzform: Das Leben ist ruiniert. Die Verdächtigungen haben sich allesamt als haltlos erwiesen, einige wenige Ermittler haben sich bei den Familien entschuldigt. Die Presse hat dieses üble Spiel unreflektiert mitgespielt. Ebenfalls jahrelang. Entschuldigungen gab es von dieser Seite – wenn überhaupt – nur halbherzig.

fatalist setzt dieses unwürdige Treiben auch knapp 3 Jahre nach dem Auffliegen des NSU weiter fort:

Thomas Moser:
[…] Doch die Fatalistgruppe spielt im Frühjahr 2014 dieses alte und häßliche Spiel noch einmal und bezichtigt die Opfer, in kriminelle Machenschaften verstrickt zu sein. Das betrifft auch den Nagelbombenanschlag in Köln vom Juni 2004. Die Opfer, zum Teil schwer verletzt, werden von „Fatalist“ beleidigt, u.a. aufgrund ihrer Nationalität. Wie die Polizei im Jahr 2004 so beschuldigt er im Jahr 2014 die Opfer, Teil der Kriminalität gewesen zu sein. Die Beobachtung eines Anwohners, unmittelbar nach dem Anschlag zwei bewaffnete Männer, allem Anschein nach Beamte, in der Straße gesehen zu haben, macht „Fatalist“ lächerlich und bezeichnet sie als „Märchen“. Damit schützt er die – mutmaßlich verstrickten – Sicherheitsorgane.
Noch deutlicher bei Mord Nummer neun in Kassel im April 2006, ebenfalls einem Schlüssel zum NSU-Komplex. Der Verfassungsschutzbeamte Temme war zu Tatzeit am Tatort. Er hat möglicherweise sogar mit den tödlichen Schüssen zu tun. Das LfV Hessen hält bis heute Informationen zu dem Mord zurück. Die Bundesanwaltschaft hält 70 Temme-Ordner zu dem Fall zurück. Und die ach so aufklärende Fatalistgruppe? Tut alles ab und erklärt, Temme sei nicht wichtig. Eine deutlichere Entlastung des Verfassungsschutzes kann es nicht geben.
[…]

In Sachen Temme liefen fatalist und seine Kumpane „publizistisch“ förmlich zu Hochform auf. Kaum ein Artikel, der die Vernehmungen von Andreas Temme vor dem OLG München wiedergab, fand Gnade vor ihnen. fatalist, der sich in der Zwischenzeit als oberster Kritiker in Sachen NSU-Prozessberichterstattung gerierte, veröffentlichte in seinem Blog einen Verriss nach dem anderen. Ob es sich dabei um Zusammenfassungen oder um Wortprotokolle der Temme-Vernehmung handelte: Für fatalist machte das keinen Unterschied. Temme sei nicht relevant, seine Einvernahme sei reine Zeitverschwendung, so der Tenor des „einzig wahren Aufklärers“ fatalist. Ein Abgleich dieser Äußerungen mit den Begründungen der Bundesanwaltschaft, die regelmäßig Anträge der Nebenklage zur Beiziehung der Temme-Akten abschmettert, ergibt eine beinahe wortgetreue Übereinstimmung. Zufall? Kann sein. Es fällt jedoch schwer an einen weiteren Zufall zu glauben, wenn die Geisteshaltung von Bundesanwaltschaft und fatalist in der Causa Temme dermaßen deckungsgleich ist.

Dass fatalist offenbar sehr mächtige Freunde in Deutschland hat, offenbart die Reportage des von mir hoch geschätzten Clemens Riha, die am 17.12.2014 im Sender 3SAT in der Sendung Kulturzeit ausgestrahlt wurde. Hier nur ein Zitat aus dem sehenswerten Beitrag: (Ab Minute 07:50)

„Der Vorsitzende des Innenausschusses Wolfgang Bosbach (CDU) hat dem selbsternannten ‚Arbeitskreis NSU‘ nicht nur geantwortet. Er forderte vom Generalbundesanwalt selbst Akten an, um sie mit denen aus dem Internet zu vergleichen. Doch den Parlamentariern wurde die Einsicht verweigert.“

Ein Generalbundesanwalt verweigert also dem Vorsitzenden des Innenausschusses des Deutschen Bundestages Einsicht in die vertraulichen NSU-Ermittlungsakten, die seit geraumer Zeit dank fatalist tonnenweise für jedermann einsehbar sind. Bosbach hatte die Akteneinsicht beantragt, um zu ermitteln, ob das Aktenmaterial von fatalist authentisch ist. Mehr wollte Bosbach nicht, aber selbst das ist ihm verwehrt worden. fatalist muss (!) sehr mächtige Verbündete haben.

Thomas Moser:
[…] Ist diese Gruppe ein Instrument des Absenders der Ermittlungsunterlagen – oder sogar Teil davon? Denn das, was wirklich von Interesse ist, das ist dieser Aktenabsender. Und deshalb muß sich der Innenausschuß und das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages für den Vorgang interessieren – aber nicht wegen der „Fatalistgruppe“. […]

Weitere Indizien, dass fatalist möglicherweise nicht nur in Sachen Temme mit der Bundesanwaltschaft an einem Strang zieht, beschreibt Moser eindrucksvoll in seinem Text:

Thomas Moser:
[…] Offensichtlich hält die Fatalistgruppe die Öffentlichkeit für komplett blöd. Doch damit entblödet sie sich selber. Mehr noch: Sie muß inzwischen regelrecht panisch sein. Denn sie merkt nicht einmal, daß sie dieses Merkmal der Bilder (möglicherweise Osteuropäer), das ja ebenfalls die Täterschaft der NSU-Uwes in Zweifel zieht, selbst wieder verwirft. Indem sie nämlich gleichzeitig unverändert behauptet, die Bilder hätten keine Relevanz. Dazu paßt nun, Achtung, die finale Konsequenz, die „Fatalist“ zieht: Er erklärt, es sei richtig gewesen, daß der Staatsanwalt von Heilbronn die Veröffentlichung der Bilder untersagte. Und es sei richtig, daß die Bundesanwaltschaft die heilbronner Zeugen, nach deren Angaben die Bilder erstellt wurden, nicht als Zeugen beim Prozeß in München hören wolle.

Danke, für so viel Selbstentlarvung. Die sogenannte Aufklärertruppe steht auf Seiten der Vertuscher.

[…]

Drei Hauptmotive sind sichtbar geworden, denen die „Fatalistgruppe“ folgt: Das Schlechtmachen der türkischen und griechischen Opfer; die Entlastung der Neonaziszene und speziell des NSU-Trios; die Entlastung des Verfassungsschutzes. Das ist ein Spiegelbild des NSU-Komplexes. „Fatalist“, so sieht es aus, ist Teil des Komplexes, eine Operation, ein Echtzeit-Verwirrungsmanöver.

Merke: Die Unwahrheit wird mittels der Wahrheit transportiert.

Thomas Moser

(mit Anmerkungen von Jürgen Pohl)

Und jetzt kommen wir zur Auflösung der Überschrift: (Mittendrin, statt nur dabei – fatalist-Mitstreiter im NSU-Prozess aufgetaucht!)

Am 171. Prozesstag, den 16.12.2014 besuchte ein Mitstreiter (Pseudonym „Neptun“) von fatalist den NSU-Prozess als Zuhörer. Er saß auf der Besuchertribüne des OLG München und zwar in unmittelbarer Nähe von Thomas Moser und meiner Wenigkeit. Warum ich das weiß? Diese Person aus dem Dunstkreis um fatalist hat ein Gespräch zwischen mir und Thomas Moser mitgehört und teilweise als Kommentar in fatalists Blog veröffentlicht. Kommentare lesen sich wesentlich interessanter, wenn man die Person kennt, die sie verfasst hat. Hier der besagte Kommentar mit dem Prädikat nicht lesenswert.

Screenshot: (Textversion ganz unten)

nept_fat_16_12_14

Neptun
Dezember 16, 2014 um 22:35
Grüß Gott, fatalist.
Heute wieder München, ging nur bis kurz vor 15 Uhr und Donnerstag fällt
mal wieder aus.
Und sogleich in die Fahrscheinkontrolle geraten. Wer fuhr ohne
Fahrschein? Ich will nicht rassistisch sein, aber typisch ist das schon.
Auf unsere Kosten leben und dann Schwarz fahren.
Mein Hotelzimmer ist dreckig… und die 10 Stunden Fahrt im Nachtzug waren
anstrengend.

Ich weiß, Du hältst davon nichts, aber bei meinem Glück, ich sage es
Dir. Habe die halbe Nacht nicht geschlafen, weil ich auf eine Frau
getroffen bin, die sich als Medium ausgab… dazu am Ende mehr

Befragt wurde Michael Probst und ich dachte, heute ging es um Carsten
Schultze. Für den Kandidaten S. war ein Richter da, 51 jährig, Dr. Ralf
Bünger vom BHG. Er schwallte nur runter, was wir alle schon wissen, wie,
wo, welche Waffe, mit Schalldämpfer, worüber er sích gewundert hat.

Ach vorher noch, Gisela war auch da. Eigentlich habe ich mir
vorgenommen, der Frau meine Meinung zu geigen, dachte mir aber, nee, das
verkraftet ihr schwacher Selbstwert nicht.
Dann wieder eine Schulklasse, Linke, Arbeitslose und Rentner und auch
drei männliche Menschen, denen ich die Adresse zu diesem Blog gegeben habe.

Der Moser ist ein seltendämliches Arschloch. Habe nur mit halbem Ohr
hingehört, aber es ging um Sex mit Kindern/ Jugendlichen und dass
Schwule ja gar nicht trauen sich zu outen… so ein Schwachsinn.. egal.

Probst wurde zweimal befragt. Er kannte die Drei und die anderen
Angeklagten nicht. Zum Schluss wurde ein Bild eingeblendet, worauf Antje
Probst, seine Ex, die wieder ihren Mädchennamen angenommen hat und nun
Böhm heißt und der er scheinbar noch nachtrauert, eine Alina (ein
kleines voluminöses Ding) und ach Wunder Mundlos und Zschäpe zu sehen
waren. Um sich das Bild anzusehen, setzte Beate extra ihre Brille auf.
Sie ist schon ein heißer Feger und hat es nicht verdient eingesperrt zu
sein.
Hatte Böhm nicht gesagt, dass sie die Drei nicht kannte? Das ist Big Shit!

Wie vor zwei Wochen ging es um Starke und Jan Werner, Piatto, um B&H,
Probsts Label, Vertrieb und blabla. Echt, nur blabla. Sein sächsisch
noch dazu… ich wurde auch heute wieder gefragt, ob ich aus Sachsen oder
Thüringen komme. Ich sollte an meiner Linken Optik arbeiten.

Ich muss was essen, deswegen komme ich zum Schluss. Das Medium kannte
angeblich den Fall nicht. Ich fragte sie, ob M und B V-Männer waren.
Leider Gottes bejahte sie das und ich fragte, wer die Beiden umgebracht
hat. Sie sprach von DREI MÄnnern, einer von der Sprache her eindeutig
Ausländer, aber dann scheinbar doch alle Drei Ausländer.
Sie sagte, die Beiden hätten sich überall Feinde gemacht, weil sie
überall spitzelten.

Natürlich war meine Frage auch, ob Beate auch gespitzelt hat. Sie sagte
Nein, sie hatte nur den falschen Umgang.
Okay, das können meine Gedanken gewesen sein, die sie “empfangen” hat,
aber sie sagte auch, dass meine Briefe an Beate nicht ankommen, weil sie
nicht weitergeleitet werden. Das glaube ich unbesehen.
Sie sagte auch, dass sich Beate verändert hat, sie war mal ein
lebenslustiger Mensch und sie tut jetzt nur noch stark nach Außen, aber
im Innern sieht es anders aus.

Sie sagte auch, ich soll weitermachen. Natürlich mache ich weiter und
lege mich weiterhin mit Idioten an. Wisst Ihr wie scheiße es ist, ganz
allein mit so einer Meinung zu sein, wie ich sie habe? Nämlich dass
Beate unschuldig ist und ein charakterstarker Mensch!
Was solls, die glotzen eh immer alle blöde, egal ob ich den Mund
aufmache oder nicht. Ich bin mutiger. Die fühlen sich nur in der Herde
stark.

Da gibt es ein Zitat, kann ich nicht ganz wiedergeben: Die Menschen
denken in Herden und werden verrückt dabei…

Später mehr, mehr Namen.

 

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NSU-Prozesstag 32 Teil 1: Der Mordfall Yaşar – Ein offizieller und ein inoffizieller BMW.

Der 32. Prozesstag am 06. August 2013 ist zugleich der letzte Verhandlungstag vor der Sommerpause, die mit dem 05. September 2013 endet. Am vorletzten Verhandlungstag war der allgemeine Tenor, dass am letzten Verhandlung vor der großen Pause das Interesse der Medien und Besucher sich in einem überschaubaren Rahmen halten wird, da lediglich ein Verhandlungstag angesetzt war und nicht wie sonst üblich drei Tage.

Ein Prozessbeobachter im Stress.

Aber weit gefehlt: Schon bei der Anfahrt über die Nymphenburger Straße in Richtung OLG München, war die geballte Präsenz der Medien schon von Weitem sichtbar. Satellitenübertragungswägen der deutschen und der internationalen Fernsehanstalten ohne Ende. Auch das ZDF hatte wieder das gigantisch große mobile Fernsehstudio aufgebaut. Gerade an diesem Tag hatte ich mich extra früh auf den Weg gemacht, um keine Zeugenaussage zu verpassen, dies hatte ich einem Kollegen aus Berlin versprochen, der sich die weite und teure Anreise wegen einem einzigen Tag ersparen wollte.

NSU-Prozess ZDF
NSU-Prozess: ZDF-Sendezentrale auf der Nymphenburger Str. Foto: J. Pohl

31°C, kein Parkplatz in Sicht und die Uhr tickt.

Jeder Prozesstag beginnt um 09:30 Uhr. Um Punkt 09:00 bin ich mit dem Auto am OLG München angekommen, der Platz vor dem Haupteingang ist mit Medienvertretern und Prozessbeobachtern vollgepackt. Vor dem Eingang hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Mein Autothermometer zeigt 31°C Außentemperatur an. Die anschließende Parkplatzsuche nimmt normalerweise keine 10 Minuten in Anspruch. Aber nicht an diesem Tag. Heute sind besonders viele Einsatzwägen rund um das Gelände geparkt, die Pressevertreter belegen alle Parkplätze, die sonst frei sind.

Ein großes Opfer für die Preußen …

Schließlich finde ich doch noch einen Parkplatz. Manchmal muss man seine Grundüberzeugung über den Haufen werden, wenn es einer wichtigen Sache dient: Denn ich parke direkt vor der CSU-Parteizentrale. Hätte ich nicht versprochen, den Kollegen aus Berlin mit Informationen aus erster Hand zu versorgen, wäre ich vielleicht noch einmal um den Block gefahren. Aber was tut man nicht alles, um die bayerisch-preußischen Beziehungen zu pflegen?

Ohne Espresso geht nix. Auch wenn er von Franz-Josef (Strauß) ist.

Ohne mir vorher einen doppelten Espresso zu gönnen, habe ich noch nie einen Verhandlungstag besucht. Gleich neben meinem Parkplatz befindet sich ein gerade eben geöffnetes Restaurant. Die Wirtin hat mir einen vorzüglich gebrauten doppelten Espresso zum Mitnehmen gemacht. Offenbar hat sie gemerkt, dass ich in großer Eile bin. Als ich meinen Geldbeutel zückte, meinte sie nur: „Passt scho!“ Ich hab mich artig dafür bedankt, aber dennoch gleich klargestellt, dass ich trotzdem die CSU nicht wählen werde. Der Name des Restaurants neben der CSU-Parteizentrale lautet übrigens „Franz-Josef“. Mit dem Gedanken, dass unter Strauß vielleicht doch nicht alles schlecht war, begebe ich mit Espresso im Laufschritt Richtung Gerichtsgebäude.

35°C, eine lange Schlange und die Uhr tickt weiter…

Die Temperatur liegt jetzt mindestens bei 35°C. Um exakt 09:25 stehe ich vor dem Eingang für Prozessbeobachter am OLG München. In der Schlage vor mir stehen etwa 20 Personen, der freundliche Justizbeamte informiert uns, dass die Besuchertribüne inklusive Pressebereich bereits aus allen Nähten platzt. 10 Personen geben nach dieser Information sofort auf und verlassen das Gelände.

„Die wollten nur Zschäpe gucken.“

Warten … „36 Grad und es wird immer heißer“ singt ein sichtlich gut gelaunter Justizbeamter. Und nein, er wollte uns nicht damit ärgern. Weitere 5 Personen werden eingelassen. „Da sind 5 raus, die wollten nur Zschäpe gucken“, sagt der Beamte.

Wir restlichen 5 werden jetzt auch eingelassen, müssen aber hinter der Sicherheitskontrolle warten, bis jemand die Tribüne verlässt. „Wir wollen ja nicht, dass Sie da draußen gegrillt werden“, meint der Beamte. Der BR-Korrespondent und 2 weitere akkreditierte Journalisten mit dem begehrten gelben Ausweis verlassen den Saal. Mit einem weiteren Prozessbeobachter warte ich geduldig auf Einlass. Plötzlich kommt ein Pärchen mit ausgeprägtem sächsischen Dialekt die Treppe von der Besuchertribüne herunter, um die Toilette aufzusuchen. Ruck-Zuck öffnet ein Justizbeamter grinsend die Schranke zur Treppe: „Bitteschön! Wieder zwei Plätze frei geworden.“

Ein Logenplatz, der es in sich hat.

Auf der Tribüne angekommen, werde ich und der andere Prozessbeobachter von den oben diensthabenden Beamten zu den zwei freien Plätzen begleitet. Erste Reihe, genau in der Mitte! Mein Sitznachbar an der rechten Seite mustert mich missbilligend, ich ignoriere ihn und beginne mit meinen Notizen der 2. Zeugenvernehmung an diesem Prozesstag, die gerade in diesem Moment begonnen hat. Den ersten Zeugen habe ich leider verpasst.

Der Mord an Ismail Yaşar.

Die Aufzeichnungen beginnen also mit der Vernehmung der Zeugin Polizeiobermeisterin Sindy J. zum Mord an Ismail Yaşar. Yaşar wurde am 09. Juni 2005 in seinem Döner-Imbiss in der Scharrerstraße Nürnberg durch 5 Schüsse gegen 09:50 Uhr ermordet. Zum Tatzeitpunkt war Yaşar 50 Jahre alt. Beim Mord an Ismail Yaşar handelt es sich – nach dem heutigen offiziellen Ermittlungsstand – um den 6. Mordanschlag des NSU. Als dringend tatverdächtig gelten auch hier Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Die Vernehmung der Polizeiobermeisterin J.

Nach der üblichen Zeugenbelehrung durch Richter Götzl fordert dieser die Zeugin J. auf zuerst frei über ihre Erinnerungen zu berichten. Die Polizeiobermeisterin sei an diesem Tag mit einem Kollegen auf Streifenfahrt gewesen, als sie informiert wurde, dass ein Mann in einer Döner-Bude in der Scharrerstraße ein Mann auf dem Boden liege. Der Mann sei blutüberströmt, so zitiert die Zeugin die erhaltene Information weiter.

Wir waren die ersten Polizisten am Tatort.

Mit ihrem Streifenwagen wären die Zeugin und ihr Kollege in der Nähe des Tatorts gewesen und seien deswegen die ersten Polizisten am Tatort gewesen, so die Zeugin J. Erst hätte sie sich selbst in den Imbiss hinein gebeugt und so das blutüberströmte Opfer gesehen. Da die Tür nicht versperrt gewesen sei, wäre ihr Kollege in den Döner-Imbiss hineingegangen. Die Zeugin wäre selbst nicht in den Imbiss gegangen. Kurz danach wäre der Notarzt gekommen und hätte nach der Untersuchung des Opfers gesagt, dass Ismail Yaşar „Ex“ ist.

Eine Anmerkung zum Verhalten der Presse.

Die Aussage der Zeugin J. hat zu einem verheerenden Presseecho geführt. Hier einige Beispiele:

Der Tagesspiegel vom 06.08.13:

„Der Kollege sei dann da reingegangen und habe festgestellt, „dass die Person ex ist“. Entgeisterte Blicke im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München. […] Da wirkt das schnoddrige „ex“ wie eine makabre Anregung, bis zum September nicht zu vergessen, dass in diesem Prozess mehr zum Vorschein kommt als die Verbrechen einer rechtsextremen Terrorzelle.“ Quelle: >>

Spiegel-Online vom 06.08.13 zeigt sich besonders erschüttert:

„Eine gewisse Nüchternheit und Sachlichkeit ist sicher fester Bestandteil bei der Ermittlungsarbeit, Abgebrühtheit kann die Folge sein. Doch wenn eine 35 Jahre alte Polizeibeamtin über einen ermordeten Imbissbesitzer sagt: „Der Notarzt hat dann festgestellt, dass die Person ex ist“, dann sind das doch Momente, in denen man sich wünscht, einem Beamten gelänge es, der verbalen Verrohung Einhalt zu gebieten.“ Quelle: >>

Auch die Süddeutsche Zeitung vom 08.08.13 ist entsetzt:

„In dieser Woche erzählte eine Polizistin in lockerem Ton, wie sie zu einer Dönerbude fuhr, in der ein blutüberströmter Mann lag. Der Notarzt habe dann festgestellt, dass die Person „ex“ ist. Die Beamtin meinte „tot“, der Polizeijargon klang jedoch unangenehm nach „ex und hopp“. Quelle: >>

Dazu ein kurzer, persönlicher Kommentar:

„Die Person ist Ex“ ist eine absolut übliche Formulierung, die von professionell arbeitenden Personen, die immer wieder mit Verstorbenen zu tun haben tagtäglich verwendet wird. Diese Formulierung ist keinesfalls abwertend oder „schnoddrig“ gemeint. Das jemand „Ex“ ist hat auch überhaupt nichts mit „ex und hopp“ zu tun, wie die Süddeutsche Zeitung meint. Der Begriff „Ex“ ist die Kurzform von „Exitus letalis“, damit bezeichnet ein Arzt offiziell den tödlichen Ausgang einer Krankheit. Oder eben auch den tödlichen Ausgang einer Verletzung, so wie im Mordfall Yaşar der Tod durch mehrere Schussverletzungen. 

Ich gehe davon aus, dass Ismail Yaşar nicht die erste Leiche ist, mit der die Zeugin konfrontiert wurde, vielleicht ist Yaşar auch nicht das erste Mordopfer, dass die Polizeibeamtin bis dahin gesehen hat. Beim Notarzt kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass er während seiner beruflichen Laufbahn mit vielen Verstorbenen zu tun hatte. Dabei handelt es sich normalerweise überwiegend um Leichen, die auf natürliche Weise verstorben sind, und zwar vom schwerstkranken Kleinkind über junge Erwachsene mit schweren Krankheiten bis zu hochbetagten Patienten, die unter ganz natürlichen Umständen versterben.

Der Notarzt, die Rettungsassistenten, das Krankenpflegepersonal hat aber im Gegensatz zu einer Streifenpolizistin auch mit dem Ableben von Personen nach Unfällen, nicht erfolgreichen Reanimationen nach beispielsweise Herzinfarkten jeden Alters zu tun. Auch um Mordopfer muss sich ein Notarzt kümmern, damit sind wir wieder bei der Polizeiobermeisterin: Ich gehe mal davon aus, dass die meisten meiner Leser noch nie eine Leiche gesehen haben. Ich hoffe, dass die wenigsten meiner Leser jemals erleben mussten, wie ein Kind nach einem Unfall trotz Reanimation stirbt.

„Dank“ meines eigentlichen Berufs musste ich alle diese Dinge schon erleben. Deswegen möchte ich den Notarzt und ausdrücklich auch die Zeugin J. wegen der Formulierung „die Person ist Ex“ in Schutz nehmen. Um so einen Beruf psychisch aushalten zu können, muss (!) man sich einen Schutzpanzer zu eigen machen, um nicht verrückt zu werden. Die Formulierung „Ex“ wird im Übrigen nur während der Kommunikation der professionellen Helfer verwendet. Es wird keinen Notarzt/ärztin, Rettungsassistenten/in, Krankenschwester oder Krankenpfleger geben, der diese Formulierung gegenüber den Angehörigen eines gerade verstorbenen Menschen verwendet.

Und noch ein Wort an die Presse:

Es stünde den akkreditierten Journalisten gut zu Gesicht, sich bei Formulierungen, die nicht im allgemeinen Sprachgebrauch verankert sind, sich über ihre Bedeutung und Ursprung zu informieren. Man nennt dies auch „Recherche“. Dass während der Berichterstattung zum NSU-Prozess die Recherche auf der Strecke bleibt, merke ich nach jedem Prozesstag, den ich besucht habe. Ich brauche normalerweise knappe 5 Minuten nach dem Ende eines Verhandlungstages, bis ich meinen Krimskrams an der Sicherheitsschleuse in Empfang genommen habe und mein Smartphone hochgefahren ist. Noch bevor meine Fotoausrüstung startklar ist, kann ich in den oben zitierten Zeitungen nachlesen, was noch vor 5 Minuten verhandelt wurde. Schnelligkeit ist faszinierend. Geschwindigkeit und Recherche dürfen sich aber nicht ausschließen. Gerade die „großen“ unter den Prozessberichterstattern haben gigantische Personalressourcen im Hintergrund zur Verfügung, die durchaus die Recherche während Berichterstattung übernehmen können. Schnell können wir Blogger auch, die Recherche müssen wir nach der Verhandlung machen. Also liebe Qualitätsmedien: Bitte mehr nachforschen. Sonst ist der Unterschied zwischen einem guten Blog und einem Bericht der „großen“, etablierten Medien nur noch minimal. Und genau das wollt ihr doch nicht, oder?

Der BMW, der offiziell existiert.

Anschließend hätte die Zeugin eine Frau befragt, die sich auf dem in der Nähe des Tatorts befindlichen Parkplatz der EDEKA aufhielt, befragt. Diese Frau hätte ihr gesagt, dass sie etwa 15 Minuten vorher „einen dumpfen Knall“ gehört habe. Der Leiter der EDEKA-Filiale hätte von einem BMW, der mit vier jungen Leuten besetzt war, berichtet. Er hätte sich noch daran erinnert dass das Autokennzeichen mit „LAU“ (Landkreis Nürnberger Land in Lauf an der Pegnitz). Dieser BMW sei etwa 20 Minuten später wieder am Imbiss vorbeigefahren. Dabei seien die Personalien der vier Insassen festgestellt worden, die aber zu keinem Verdachtsmoment zu einer Tatbeteiligung geführt hätte.

Richter Götzl will nun Informationen zur Person, der die Polizei verständigt hat. Der Mitteiler wäre vor Ort gewesen, er hätte auch häufig dort gegessen. Weil er Yaşar nicht gleich entdeckt habe, hätte er eine gewisse Zeit gewartet und sich dann in den Döner-Imbiss hineingebeugt. Erst so hätte er das Mordopfer Yaşar entdecken können. „Wenn man direkt vor dem Imbiss steht, konnte man das Opfer nicht sehen,“ so die Zeugin weiter.

Wieder einmal: Widersprüchliche Aussagen ein- und derselben Zeugin.

Götzl zitiert aus der ersten Vernehmung der Zeugin demnach hätte sie damals ausgesagt, dass der Mitteiler einmal in der Woche zum Döner-Imbiss gegangen wäre und sich um 10:15 Uhr einen Döner kaufen wolle.

„Dann wird das so gewesen sein, wenn es so im Sachverhalt steht“, antwortet die Zeugin.

Wie das Opfer gelegen sei, will Götzl jetzt von der Zeugin wissen. Yaşar habe hinter dem Tresen auf dem Boden gelegen, so die Zeugin. Über dem Kopf habe ein Arm schräg gelegen, Oberkörper und Kopf hätten in einer großen Blutlache gelegen, so die Zeugin weiter.

Der Bürostuhl: Keine Erinnerung, aber im alten Protokoll vermerkt.

Götzl fährt mit einem Vorhalt fort, nachdem die Zeugin J. von einem Bürostuhl berichtet hätte.

„Ich kann mich jetzt an keinen Bürostuhl erinnern, aber ich habe im Sachverhalt gelesen, dass auf der Sitzfläche ein Blutfleck war,“ antwortet die Zeugin.

Wortgefechte wegen widersprüchlichen Aussagen.

Auf diese Antwort der Zeugin entsteht ein kurzes, aber heftiges Wortgefecht zwischen Zschäpe-Verteidiger RA Heer und Richter Götzl. Der Grund sind die wiederholten Vorhaltungen aus den Ermittlungsakten, die sich häufig nicht mit den aktuellen Aussagen der Zeugen decken. Aber immer wieder dazu führen, dass die protokollierte Erstaussage in der aktuellen Verhandlung gilt.

Zschäpe-Verteidiger RA Wolfgang Heer - Foto: J. Pohl
Zschäpe-Verteidiger RA Wolfgang Heer – Foto: J. Pohl

Götzl blockt den Streit recht schnell ab und will näheres zu den am Tatort sichergestellten Patronenhülsen wissen.

„Ich hab eine Hülse am Toten gesehen, vielleicht auch eine Zweite,“ so die Zeugin.

Götzl: „Wo?“

Zeugin J.: „Bin mir nicht sicher, denke in Höhe Gesäß oder Rumpf.“

Götzl mit Vorhalt aus alter Ermittlungsakte: „Hülse in Höhe des Oberkörpers“

Götzl fragt weiter: „Waren Sie in der Döner-Bude?“

Zeugin J.: „Nein nur der Kollege. Ist dabei aus Versehen auf die Schürze getreten.“

Juristensprache: Geschädigter = Mordopfer

Götzl: „Was ist dann mit dem „Geschädigten“ geschehen?“ (Anm.: Damit ist der ermordete Ismail Yaşar gemeint)

Zeugin J.: „Kann ich nicht sagen, dann kam schon die Mordkommission.“

Götzl erwidert mit einem erneuten Vorhalt: „ASB und der Notarzt waren um 10:25 Uhr vor Ort.“

Die Zeugin bestätigt Götzl mit einem Kopfnicken.

Götzl fährt mit seinem Vorhalt fort: „Ein Sani hat eine Hülse aufgehoben und dann wieder hingelegt.“

„Ja, das stimmt. Er hat deswegen auch einen Anschiss bekommen,“ antwortet die Zeugin und erntet Gelächter im Saal.

Das Pärchen mit dem sächsischem Slang: Unterstützer von Wohlleben?

Offenbar sind in der Zwischenzeit wieder Sitzplätze auf der Tribüne frei geworden, denn mitten in der Verhandlung kommt in diesem Moment das am Anfang erwähnte Pärchen mit dem sächsischen Dialekt auf mich zu. Der weibliche Part baut sich vor meinem Sitzplatz direkt an der Glasscheibe zum Gerichtssaal auf und stellt mich zur Rede: „Also ich finde das eine Unverschämtheit von Ihnen, dass Sie sich auf unseren Platz setzen. Wir sitzen immerhin schon seit 07:30 hier. Und nur weil wir zum Pullern (sic!) mussten, sind unsere Plätze besetzt.“ Ich konnte nur kurz erwidern, dass mir dieser Platz von einem Justizbeamten zugewiesen wurde, dann wurden die beiden mit sanftem Druck von einem Beamten auf die hinteren Plätze verwiesen. Während die sächselnde Frau mich zurechtwies, tauschte der männliche Part mittels Handzeichen Nettigkeiten (?) mit Ralf Wohlleben aus.

„Ehefrau war mit den Nerven fertig.“

Götzl: „Hatten Sie am Tatort Kontakt zu anderen Personen?“

Zeugin J.: Ja, mit den vier Jugendlichen aus dem BMW und mit der Frau des Verstorbenen.“

Götzl: „In welcher Verfassung war die Frau?“

Zeugin J.: Sie war mit den Nerven ziemlich fertig und ist auch etwas lauter geworden.“

Richter Götzl bittet die Polizeiobermeisterin J. an den Richtertisch um eine Skizze des Tatorts zu erklären.

Damit ist die Befragung durch Richter Götzl beendet. Das Fragerecht hat nun der Nebenklage-Anwalt RA Narin.

Der BMW, der offiziell nicht existiert.

RA Narin: „Ich möchte noch mal auf den BMW eingehen.“

Zeugin J.: „Es wurde von einem dunklen BMW mit vier Jugendlichen berichtet. Nach 20 Minuten ist der BMW wieder am Tatort vorbei gefahren und wurde kontrolliert.“

RA Narin: „Ist jemals von einem bordeauxroten BMW-Kombi die Rede gewesen?“

Zeugin J.: „Nicht, dass ich wüsste …“

RA Narin erwidert mit einem Vorhalt aus einem Aktenvermerk: „Aus dem Vermerk geht hervor, dass es sich bei dem bordeauxroten BMW-Kombi um ein Zivilfahrzeug eines Polizisten handelt.“

Zeugin J.: „Das ist das erste Mal, dass ich davon höre.“

„Danke keine weiteren Fragen.“ Damit beendet RA Narin seine Befragung der Zeugin J.

Götzl entlässt die Zeugin um 10:45 Uhr, da sich keine weiteren Fragen anschließen.

RA Narin - Foto: J. Pohl
RA Narin – Foto: J. Pohl

Was war los? Falsches Protokoll, oder Falschaussage der Zeugin?

Wieder bleibt ein fader Nachgeschmack nach einer Vernehmung einer Polizeibeamtin zurück. Warum kann sich die Polizeiobermeisterin J. ausgerechnet an den bordeauxroten BMW-Kombi nicht erinnern, nachdem sie während der Vernehmung ungewöhnlich oft erwähnt hatte, kurz vor ihrer Aussage den Sachverhaltsbericht gelesen zu haben.

Wieder kann es prinzipiell dazu nur zwei Schlussfolgerungen geben:

Entweder wird der bordeauxrote BMW-Kombi, mit dem immerhin ein Polizeibeamter zur ungefähren Tatzeit in unmittelbarer Nähe des Tatorts gesehen wurde, im Sachverhaltsbericht nicht erwähnt. Wenn diese Fahrzeug nicht erwähnt wurde, warum nicht?

Oder: Die Zeugin J. hat die Frage von RA Narin nicht wahrheitsgemäß beantwortet. Falls die Zeugin gelogen hat, warum hat sie die Unwahrheit gesagt?

Zschäpe schwer bewacht auf dem Weg vom Gericht in die U-Haft. - Foto: J. Pohl
Zschäpe schwer bewacht auf dem Weg vom Gericht in die U-Haft. – Foto: J. Pohl

Ende Teil 1.

8. Akt: Social-Media-Experiment: Auftrag via @Telekom_hilft

Was bisher geschah: Bitte hier entlang zum Beginn und zum 1. Akt der Serie!

8. Akt

Social-Media-Experiment: Ein Auftrag via @Telekom_hilft.

Freitag, 16. März 2012, kurz nach dem Frühstück, im Allgäu

Gestern habe ich Stunden in Warteschleifen der Telekom zugebracht. Zwischen den Warteschleifen hatte ich Gelegenheit, den Rat mehrerer Kundenbetreuer zur Mitnahme einer E-Mail-Adresse einzuholen. Die Ratschläge fielen dabei zu meiner Überraschung extrem unterschiedlich aus. Von der Antwort „Unmöglich. Unwiderruflich.“ bis hin zu: „Überhaupt kein Problem.“ waren alle Antworten dabei, die sich ein normal-sterblicher und unwissender Telekom-Kunde nur vorstellen kann.

Rückblickend bin ich allerdings von jener Mitarbeiterin etwas enttäuscht, die ich gestern als Erste an der Telekom-Strippe hatte. Um das Gespräch zur Klärung des E-Mail-Problems wirklich abzurunden und mich als ständig rumnörgelnden Telekom-Kunden auf Linie zu trimmen, fehlten leider Sätze wie diese: „Wagen Sie es nicht, mich noch einmal zu unterbrechen,“ oder: „Ich habe recht, was wissen Sie schon, Sie unwürdiger Wurm?“ Die Anrede „Auf die Knie mit Ihnen, wenn Sie mich ansprechen.“ habe ich im Übrigen besonders vermisst.

Die anderen Mitarbeiter der diversen Telekom-Hotlines waren übrigens wesentlich angenehmere Zeitgenossen.

Der Tag beginnt mit dem üblichen Check des alten und des neuen T-Online-Kundencenters: Keine Veränderung am Tatbestand. Außerdem ist keine Rückmeldung von „XXXXX t-online.de“ eingegangen. Keine Empfangsbestätigung, keine E-Mail, und natürlich auch kein Rückruf. Keine guten Aussichten, um das Projekt „Umzug einer E-Mail-Adresse“  heute zu einem positiven Abschluss zu bringen.

8:46 Uhr

Noch einigermaßen gut gelaunt frage ich nochmals beim Team von „XXXXX t-online.de“ per E-Mail nach.

Guten Morgen,

ich möchte nochmals wegen der unten angehängten Mail von gestern (15.03.12) nachfragen. Ist die Sache in Bearbeitung. Oder wurde mir von der Hotline wieder mal eine falsche Auskunft gegeben?

Viele Grüße

Juergen Pohl

Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass ich auch diese Mail mit der Option „Empfangsbestätigung“ ausgestattet habe. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt, heißt es.

Die nächste Stunde verbringe ich mit Recherchen in einschlägigen Internet-Foren um mich in Sachen „E-Mail-Umzug“ auf den neuesten Stand zu bringen. Natürlich besuche ich auch das offizielle Forum von T-Online. Der Erkenntnisgewinn meiner Bemühungen ist jedoch minimal. Allerdings weiß ich nun, dass sich seit mehr als 10 Jahren hunderte Telekom-Kunden mit dem gleichen Problem konfrontiert sahen. Meine nicht repräsentative Analyse der Foren ergibt, dass die Erfolgsquote eine E-Mail-Adresse von einer Kundennummer auf eine andere zu übertragen, bei etwa 50 Prozent liegt. Eine eingehendere Auswertung meiner Recherche-Ergebnisse zeigt jedoch, dass sich die Erfolgsrate durch entschlossene Hartnäckigkeit und durch die Nutzung sämtlicher Kommunikationswege der Telekom signifikant steigern lässt.

10:14 Uhr

Mit diesen neuen Erkenntnissen gestärkt und mit der Gewissheit, dass Hartnäckigkeit auch bei der Telekom zum Ziel führen kann, rufe ich die Technik-Profis der Hotline “0800 330 2000″ an:

Wartemusik, Sprachcomputer, Wartemusik, dann die geschwurbelte Begrüßungsfloskel:

„… wie kann ich Ihnen helfen?“

Ich schildere kurz die Vorgeschichte und komme noch einigermaßen froh gestimmt zum Thema:

„Ihre Kollegin, die Frau XXXX hat mir gestern, also am 15. März,  geraten, eine Mail an „XXXXX t-online.de“ zu schicken. Sie sagte mir auch, dass ich mit einer Rückmeldung noch am gleichen Tag rechnen kann.“

„Tut mir leid, aber dafür bin ich nicht zuständig. Ich werde Sie mit der richtigen Abteilung verbinden, wenn das für Sie so in Ordnung ist.“

„Ja natürlich. Dann verbinden Sie mich bitte mit dieser Abteilung.“

„Bleiben Sie bitte in der Leitung, legen Sie nicht auf! Ich stelle Sie direkt durch.“

Wartemusik.

Immerhin werde ich ja direkt durchgestellt. Direkt!

Wartemusik.

Nach einer gewissen Zeit wird die Wartemusik wiederholt von netten Ansagen unterbrochen. Diese Ansagen informieren den Hilfesuchenden darüber, dass sich das vermutete Anliegen vielleicht auch im T-Online-Kundencenter lösen lässt.

Durch andere Ansagen erfährt der Kunde von den großen Innovationen der neuen T-Online-Entertainment Pakete. Als Kunde der Telekom könne man jetzt zeitversetzt fernsehen. Das kann ich auch. Unser etwa 7 Jahre alter SAT-Receiver mit Festplatte leistet nämlich hervorragende Dienste.

Wartemusik.

Eine weitere Ansage informiert mich, dass durch T-Online-Entertainment endlich auch HD-Fernsehen möglich wäre. Ich bin mir sehr sicher, dass HD-Fernsehen schon länger möglich ist. Aber eben über andere Anbieter. Außerdem feiert unser alter Fernseher mit Röhrentechnologie demnächst seinen 17. Geburtstag. Was, also soll ich mit diesen Informationen anfangen?

Wartemusik.

Inzwischen weiß ich nicht mehr, warum ich hier eigentlich anrufe. Ein Blick in mein E-Mail-Programm hilft meinem Gedächtnis wieder auf die Sprünge. Und zwar keine Sekunde zu früh.

Die Kundenbetreuerin von vorhin ist wieder in der Leitung:

„Geschwurbel … vielen Dank, dass Sie gewartet haben.“

„Kein Problem. Und was ist jetzt?“

„Ich habe leider niemanden erreichen können, der sich mit Ihrem Problem auskennt. Rufen Sie bitte in ein paar Minuten noch einmal an.“

„Aber…“

Die Kundenbetreuerin hat aufgelegt.

10:37 Uhr

Nach ein paar Minuten – genauer gesagt – nach 30 Sekunden – der nächste Anruf bei “0800 330 2000″:

Wartemusik, Sprachcomputer, Wartemusik, dann Begrüßungsgeschwurbel.

Ich erkläre die ganze Sache heute bereits zum zweiten Mal.

„Ich muss Sie leider an die zuständigen Kollegen durchstellen. Bleiben Sie bitte in der Leitung.“

„Danke. Ja, ich bleibe in der Leitung.“

Wartemusik.

Oh! Es kommt wieder eine dieser informativen Ansagen: „Das Entertainment-Comfort-Paket gibt es jetzt ganz besonders günstig. In den ersten 24 Monaten sparen sie jeden Monat 5 Euro.“ 

Interessant. Aber das habe ich doch erst vor ein paar Tagen gehört? Mir fällt der Herrscher der Vitrinen im sterilisierten Telekom-Laden wieder ein.

Wartemusik.

Eine andere Mitarbeiterin der Telekom-Technik-Hotline meldet sich:

„Schwurbel. Vielen Dank, dass Sie gewartet haben.“

„Kein Problem,“ knurre ich.

„Also, kommen wir gleich zur Sache!“

„Gute Idee! Und? Geht das mit der E-Mail-Adresse jetzt in Ordnung?“

Pause…

„Äh, ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht ganz genau um was es geht.“

„Hat Sie Ihre Kollegin nicht über den Sachverhalt informiert?“

„Nein.“

„Das bedeutet, ich muss Ihnen also alles noch einmal von Anfang an erklären.?

„Ja…, leider!

Seit 10:14 Uhr erkläre ich mein Anliegen jetzt zum dritten Mal. Ich merke, auch in solchen Fällen macht die Übung den Meister. Mein Vortrag ist jedesmal kürzer, ohne wesentliche Fakten zu unterschlagen. Auch die Sätze wirken geschliffener und erreichen langsam preiswürdige Kriterien. Die Kundenbetreuerin reißt mich aus meinen Träumen als zukünftiger Gewinner des nächsten Pulitzer-Preises:

„Das ist eine recht komplizierte Angelegenheit, eine E-Mail-Adresse von einer Kundennummer zu einer anderen zu übertragen.“

„Das mag ja sein. Es ist aber technisch möglich.“

„Sie hätten das aber beantragen müssen.“

„Deswegen mein Anruf. Wie ich Ihnen bereits sagte, habe ich gestern und heute eine E-Mail an „XXXXX t-online.de“ geschickt. Beide mit der Option „Empfangsbestätigung“. Bis jetzt habe ich weder eine Empfangsbestätigung, noch eine E-Mail oder einen Rückruf erhalten. Sie werden vielleicht verstehen, dass ich etwas verärgert bin.“

„Ja, Ihre Verärgerung kann ich gut verstehen.“

Aha! Frisch aus dem Seminar: „Wie gehe ich mit unzufriedenen Kunden um?“

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass ab jetzt nur noch harte Fakten zählen, um sich mit den Psycho-Tricks der Seminare nicht abwimmeln zu lassen! Ich gebe mich also ab sofort als seriös, knallhart und unerbittlich aus.

„Bestätigen Sie mir bitte, dass die beiden Mails an „XXXXX t-online.de“ von denen ich eben gesprochen habe, bei Ihnen eingegangen sind.“

Hektisches Klicken einer unterbezahlten Telekom-Maus im Hintergrund.

„Es tut mir sehr leid. Aber das kann ich nicht.“

„Natürlich können Sie das. Sie brauchen mir den Erhalt nur kurz per E-Mail bestätigen.“

„Das ist nicht das Problem…“

„Sondern?“

„So wie ich das sehe, sind keine Mails von Ihnen im System.“

„Offenbar sind sie mit der Materie nicht vertraut genug. Holen Sie bitte Ihren Vorgesetzten oder Supervisor an die Leitung.“

„Jawohl…“

Hektisches Gemurmel im Hintergrund.

„Nur noch einen kleinen Augenblick, dann haben Sie einen kompetenten Gesprächspartner.“

„Danke..“

„Hier XXXX von der Telekom, ich bin hier der Teamleiter.“

„Ihre Kollegin hat Sie sicher bereits informiert?“

„Ja. Es geht um zwei Mails, die Sie uns angeblich geschickt haben.“

„Nicht angeblich.“

„Wenn Sie uns die Mails geschickt hätten, dann wären Sie auch hier im System. Guten Tag und auf Wiederhören!“ 

Der Teamleiter hat aufgelegt!

Jetzt nur nicht aufgeben! Deutlich angepisst angesäuert leite ich eine Strategie-Wende ein.

11:04 Uhr

Unmittelbar unter dem Eindruck des letzten Telefonats beginnt die geänderte Strategie:

Das nächste Telefonat wird nicht von der bequemen Sitzposition des heimischen Sofas geführt, sondern im Stehen, in gerader Haltung.

Wenn ich wüsste, wo sich meine einzige Krawatte befindet, die ich besitze, hätte ich mir diese jetzt umgebunden. Bei der Sache mit der Krawatte könnte es sich aber auch um ein weiteres Gerücht handeln.

Ich stelle mir vor, dass ich als Kreisvorsitzender der FDP beim FDP-Kreistag in Großburgwedel mit einer Rede den wenigen verbliebenen Mitgliedern klar machen muss, dass ein Wahlergebnis von 1,2 Prozent im Saarland keine Niederlage, sondern ein klares Signal an die Menschen ist.

„Wie genau lautet denn das Signal, verehrter Herr Kreisvorsitzender?

Wegen der überschaubaren Teilnehmerzahl lässt sich die auffallend knödelnde Stimme schnell orten. Es war ein hochgewachsener, etwas blasser Typ. Ist das nicht der gute Freund von diesem Maschmeyer? Wir befinden uns schließlich in Großburgwedel! Der wird doch nicht etwa von der CDU zur FDP übergelaufen sein? Also nicht der Maschmeyer, sondern der Typ mit der Knödel-Stimme. Derartige kritische Fragen aus dem Auditorium hätte es zu Guidos Zeiten jedenfalls nicht gegeben.

„Das Signal bedeutet eine wieder erstarkte FDP, die bei den nächsten anstehenden Wahlen auf einer Welle des Erfolgs wieder politische Verantwortung übernehmen wird. Und zwar an der Basis, in den Landkreisen, den Ländern und auf der Bundesebene. Hallelujah!“

Die Rede ist natürlich so angelegt, dass ein Widerspruch oder gar kritische Äußerungen der Kreistagsdelegierten von vornherein absolut ausgeschlossen sind. Die Zwischenfrage am Anfang war nur ein einmaliger Ausrutscher.

So weit zu den feuchten Träumen der gelackten, jugendlichen, teflonbeschichteten Sprechmaschinen, die eine erfolgreiche FDP durch Geschwurbel, ähnlich einem Voodoo-Priester wieder herbeizaubern wollen. Das beängstigende an diesen Teflon-Schwurblern ist: Sie glauben wirklich (!) an das, was sie sagen. Und sie tragen ihre Wahnvorstellungen mit einer unfassbaren Arroganz hinaus zum Wahlvolk.

Das folgende Telefonat mit der Hotline “0800 330 2000″ führe ich also im Stehen. Schließlich war ich auch mal Teilnehmer verschiedener Seminare.

Wartemusik. Sprachcomputer. Wartemusik. Begrüßungsgeschwurbel.

“ … kann ich ihnen helfen?“

Der vierte Vortrag zum gleichen Thema seit 10:14 Uhr.

Allerdings nicht höflich als Frage oder Bitte formuliert, sondern in einem rhetorischen Stil, der keinen Widerspruch zulässt.

So oder ähnlich hat sich übrigens damals der Kasernenkommandant oder „Spieß“ während des Morgenappells angehört, als er den Tagesbefehl ausgab. Ein Anlass für solche militärischen „Ansprachen“ konnten z.B. die immer schlampig geputzten Stiefel aller seinem Befehl unterstehenden Soldaten sein. Die Soldaten der anderen Kompanie hätten immer perfekt mit Bundeswehr-Schuhcreme einwandfrei geputzte Stiefel vorzuweisen. Und was die Pfeifen von der anderen Kompanie können, das können wir- die Elite-Truppe – schon lange. Um unserem Spieß eine Freude zu bereiten Um das freie Wochenende nicht zu gefährden, wurden die Stiefel bis zum nächsten Appell natürlich besonders gründlich und mit besonders viel BW-Schuhcreme geputzt.

Völlig unerwartet war das Thema Schuhcreme bei der nächsten Befehlsausgabe durch den „Spieß“  der Anlass für einen gewaltigen Anpfiff. Von Verschwendung von Steuermitteln, moralischer Verwerflichkeit und einer Gefährdung der Einsatzfähigkeit der Truppe – seiner Elite-Truppe – war da plötzlich die Rede. Rückblickend betrachtet, muss ich gestehen, dass unser maßloser Verbrauch von Schuhcreme den Mauerfall und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands beinahe verhindert hätte.

Um die fragile weltpolitische Lage nicht zu gefährden, verabschiede ich mich lieber von der Kasernenkommandanten-Rolle und entscheide mich für meinen ersten Plan. Dem Plan mit dem FDP-Kreisvorsitzenden, denn wegen der FDP kann sowieso nichts passieren. Auch nicht unabsichtlich.

Auch diese Mitarbeiterin der Hotline war offenbar erst vor kurzem auf einem Seminar zur Kundenbesänftigung.

„Oh, da haben Sie in dieser Angelegenheit ja schon einiges durchmachen müssen.“

„Ja. Bitte bestätigen Sie mir den Erhalt der beiden Mails.“

„Ich kann bestätigen, dass beide Mails eingetroffen sind.“

„Schön. Dann bestätigen Sie mir den Erhalt der Mails“

„Das habe ich ja eben.“

„Vielleicht habe ich mich unverständlich ausgedrückt, oder Sie wollen mich nicht verstehen. Ich bitte Sie hiermit, den Erhalt mit einer kurzen E-Mail schriftlich zu bestätigen.“

„Das geht nicht.“

„Natürlich geht das.“

„Nein. Es geht leider nicht. Ich kann von meinem Arbeitsplatz keine E-Mails verschicken.“

„Aber ich telefoniere im Moment mit der technischen Abteilung von T-Online?“

„Ja.“

„Und Sie erzählen mir gerade, dass Sie im Zentrum des größten Internetanbieters in Deutschland sitzen und keine E-Mails senden können?“

Die Mitarbeiterin der Hotline für technische Fragen der Telekom beendet das Gespräch wortlos und legt auf.

Um die FDP muss es wirklich extrem schlecht stehen…

Es ist inzwischen 11:47 Uhr, ich ringe um Fassung. Das bedeutet: Eine Brotzeit ist dringendst nötig.

Während der Brotzeitpause entscheide ich mich für das nächste unausweichliche Telefonat mit der technischen Hotline wieder in die Rolle des FDP-Kreisvorsitzenden zu schlüpfen.

Die instabile politische Lage in Syrien und vor allem die Spannungen zwischen Israel und Iran lassen die Rolle als Kasernenkommandant nicht zu. Ich will wegen einer E-Mail-Adresse keinen bewaffneten Konflikt auslösen, dessen Ausgang unabsehbare Folgen hätte.

12:04 Uhr

Ich wähle “0800 330 2000″ die Nummer der Telekom-Technik-Hotline:

Wartemusik.

Achtung! Der Sprachcomputer stellt ohne Vorwarnung meine Lieblingsfrage: „Möchten Sie zur Telekom wechseln?“

Natürlich will ich das! Gar keine Frage. Deshalb antworte ich besonders deutlich mit „Ja!“

Keine Wartemusik, sondern zweimal „knacks“ und schon ist eine Kundenbetreuerin in der Leitung und schwurbelt die Begrüßungsfloskel:

„…. ihnen helfen?“

Der fünfte Vortrag seit 10:14 Uhr zum gleichen Thema. Allerdings im Stil eines FDP-Kreisvorsitzenden.

Nach den ersten Sätzen habe ich den Eindruck, es in diesem Fall mit einer technisch kompetenten Mitarbeiterin zu tun zu haben.

„Ja, das stimmt. Ihre beiden Mails sind in unserem System angekommen.“

„Das ist ja erfreulich. Dann werden Sie bitte tätig und buchen die E-Mail-Adresse auf die neue Kundennummer.“

„Das geht leider nicht. Sie können das nicht per E-Mail veranlassen.“

„Ich handle auf Anweisung einer ihrer Kolleginnen. Die hat mir…“

„Mag ja sein, aber das geht so nicht.“

Die Kundenbetreuerin hat mich ganz einfach unterbrochen. Schließlich bin ich Kreisvorsitzender einer wichtigen noch vor kurzem hoch angesehenen, jetzt aber völlig bedeutungslosen, quasi nicht mehr existierenden Partei. Dass es der FDP so schlecht geht, hätte ich gar nicht gedacht. Ich hätte mich doch als Franz Josef Strauß ausgeben sollen.

„Dann sagen Sie mir, wie es geht.“

„Wie gesagt, per E-Mail geht das nicht. Sie können die Mitnahme der Adresse nur per Fax beantragen. Die Fax-Nummer lautet: 0800 …“

Dieses Mal bin ich derjenige, der das Wort an sich reißt. So, wie es beim FDP-Kreistag eben üblich ist.

„Ich befürchte, Sie befinden sich da nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Informieren Sie sich bitte vorher, bevor Sie mich hier falsch beraten.“

Arroganz! Ich hasse nichts so sehr wie Arroganz! Aber für einen FDP-Kreistagsvorsitzenden gehört Arroganz zum Tagesgeschäft. Und siehe da: Meine schauspielerischen Fähigkeiten verbessern sich. Die zur Schau gestellte Arroganz wirkt tatsächlich. Deswegen setze ich noch eins drauf:

„Also noch einmal: Ihre Kollegin von dieser Hotline, die Frau XXXX, hat mir ausdrücklich geraten, eine E-Mail an „XXXXXX t-online.de“ zu schicken. Wie Sie in Ihrem System sehen können, sind alle notwendigen Daten sowie die besonderen Gründe, welche die Mitnahme der Adresse nötig machen, ausführlich beschrieben.“

Schweigen. Im Hintergrund typische Bürogeräusche. Ganz deutlich sind hektische, beinahe verzweifelte Klickgeräusche, der sich im Dienst befindlichen Telekom-Mäuse zu hören. Vielleicht sollte hier mal der Tierschutzverein nach dem Rechten sehen..?

„Darf ich Sie noch um einen Moment Geduld bitten? Ich muss erst mit der zuständigen Abteilung Rücksprache halten. Bitte bleiben Sie in der Leitung. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

„Ja, machen Sie das und lassen Sie sich bitte gründlich informieren. Ich möchte nicht, dass Sie später nicht umfassend informiert sind.“

Ich hasse Arroganz. Beginne aber zu begreifen, dass Arroganz der Schlüssel zum Erfolg sein kann. Deswegen erscheinen immer mehr arrogante, mit Teflon gepanzerte, stromlinienförmige Personen auf der Bildfläche. Es beruhigt mich aber, dass Arroganz Erfolg und Macht nicht garantieren kann. Womit wir wieder bei der FDP wären.

Ich genieße etwa fünf Minuten Wartemusik. Zwischendurch erfahre ich, wie wunderbar doch dieses Entertainment-Paket ist. Man kann damit sogar Fernsehen. Zeitversetzt. Ein weiterer Grund, der für die Buchung ausschlaggebend wäre, will sich mir nicht erschließen. Und Fernsehen geht ja auch ohne Telekom. Und zwar seit Jahrzehnten.

„Vielen Dank, dass Sie so lange gewartet haben.“

„Wenn es zur Problemlösung diente, dann gerne.“

Der Arroganz-Modus ist wieder aktiviert!

„Sie haben tatsächlich Ihr Anliegen an die richtige Adresse übermittelt.“

„Sag ich ja. Es geht also doch per E-Mail! Ist der Auftrag in Bearbeitung?“

„Ja, es existiert jetzt auch eine Ticket-Nummer!“

Nur zum Verständnis: Eine „Ticket-Nummer“ ist ein Telekom-Interner Begriff, mit dem meist Störungsmeldungen eindeutig identifizierbar werden. Nach dem Eingang einer Störungsmeldung wird dem Kunden eine Ticket-Nummer mitgeteilt, auf die er sich in der weiteren Korrespondenz beziehen kann. Es ist eher ungewöhnlich für Aufträge, wie zur Mitnahme einer E-Mail-Adresse, ebenfalls eine Ticket-Nummer vergeben wird. Ganz besonders wichtig ist es, dass dem Kunden diese Nummer auch mitgeteilt wird, nur so ist eine vernünftige Kommunikation möglich.

„Das haben Sie gut gemacht. Da sind wir ja einen guten Schritt weiter gekommen.“

Zuckerbrot und Peitsche. Unverzichtbare Zutaten, um arrogant zu erscheinen.

„Vielen Dank für das Lob. Das erleben wir hier selten.“

Mich wundert es nicht, dass diese Mitarbeiter von Kunden selten gelobt werden. Das wird auch mein einziges Lob für diese Abteilung bleiben. Ganz sicher!

„Dann schicken Sie mir bitte noch die Eingangsbestätigung der beiden Mails zu!“

„Das geht aus technischen Gründen nicht…“

„Ich weiß. Sie sitzen zwar im Zentrum des größten Kommunikationsunternehmens, können aber keine Mails verschicken. Stimmt doch so, oder?

„… ja…“

„Dann teilen Sie mir bitte die Ticket-Nummer mit.“

„Das geht leider auch nicht.“

„Sie können mir die Nummer auch gleich jetzt am Telefon sagen.“

„Ich kenne die Ticket-Nummer leider nicht.“

„Wer kennt sie denn dann?“

„Die kennt nur die Kollegin, die den Auftrag bearbeitet.“

„Dann fragen Sie eben diese Kollegin! Himmel[zensiert]undzwirn!“

„Die kann ich nicht erreichen.“

„Das ist doch sicher die Kollegin, mit der Sie vorhin gesprochen haben?“

„Ja?“

„Dann können Sie die Dame ja doch erreichen.“

„Nein… Die Kollegen dieser speziellen Abteilungen haben nur eine zentrale Rufnummer. Und die Chance, genau die gleiche Kollegin…“

„Ich weiß: Die Chance diese Kollegin wieder ans Telefon zu bekommen ist gleich null.“

Arroganz hilft eben auch nicht in jeder Situation.

„Sie könnten mir aber den Eingang meiner Mails per Reply bestätigen.“

„Tut mir leid… „

„Können Sie sich wenigstens an die Ticket-Nummer erinnern? Haben Sie die vielleicht auf einem Zettel notiert?“

„Ich befürchte nein. Aber ich glaube, es wurde doch keine Ticket-Nummer vergeben.“

„Ach jetzt doch nicht?“

„Nein, ich glaube, die haben lediglich einen Kundenkontakt angelegt.“

„Der Kundenkontakt zu dieser Angelegenheit besteht seit 28. Februar!“

Die Kundenbetreuerin beendet das Gespräch. Aufgelegt. Wortlos.

Für heute habe ich genug von Gesprächen mit Mitarbeitern der Telekom-Technik-Hotline. Außerdem befürchte ich, dass sich meine schauspielerischen Bemühungen als arroganter FDP-Kreisvorsitzender negativ auf meinen nicht-arroganten Charakter auswirken könnten.

Über die Hotline ist kein Weiterkommen möglich, soviel ist jetzt klar. Ich greife zum rettenden Strohhalm: „Telekom_hilft“.

14:00 Uhr

Nach einem dreifachen Espresso zur Beruhigung verfasse ich eine Mail an „Telekom_hilft“. Nach 13 Minuten verschickt mein Mail-Programm folgende Mail:

Sehr geehrtes Team vom Kundenservice Social Media „Telekom_hilft @ Twitter“,

anbei zwei E-Mails die gestern und heute von mir an die Adresse „xxxxx t-online.de“ geschickt wurden. Den genauen Sachverhalt entnehmen Sie bitte dem untersten Text, der E-Mail vom 15.03.12

Da mir trotz telefonischer Zusage am 15.03. der Mitarbeiterin der Hotline „0800-3302000“ keinerlei Rückmeldung zuging, meldete ich mich heute morgen erst via E-Mail bei „xxxxx t-online.de“ und anschliessend nochmals bei der gleichen Hotline.

Nachdem ich mehrmals an verschiedene „Kundenbetreuer“ weiter vermittelt wurde und jedesmal die ganze Geschichte von vorne erklären musste, erhielt ich schließlich folgende Auskunft:

1. Ja, die unten angehängten E-Mails sind eingegangen. (Zuerst wurde der Eingang von verschiedenen Kundenbetreuern bestritten)

2. Der Auftrag kann nicht via E-Mail an „xxxxx t-online.de“ erteilt werden, sondern nur per Fax. Die Mitarbeiterin revidierte ihre Aussage, nachdem ich ihr erläuterte, dass ich von einer Kollegin der Hotline „0800-3302000“ dazu aufgefordert wurde, den Auftrag per E-Mail zu erteilen.

3. Nachdem die Mitarbeiterin mit der zuständigen Abteilung Rücksprache hielt (so ihre Aussage, nach einer Wartezeit von etwa 5 Minuten), bestätigte sie mir, dass der Auftrag in Bearbeitung sei. Eine „Ticket-Nummer“ zu diesem Vorgang existiere jetzt auch.

4. Den Auftragseingang kann sie mir nicht bestätigen, da dies technisch nicht möglich sei.

5. Auch die „Ticket-Nummer“ kann sie mir nicht sagen, da diese nur die Kollegin kennt, die den Auftrag bearbeitet.

6. Die Kollegin kann sie nicht anrufen, um die „Ticket-Nummer“ zu ermitteln. Es gebe nur eine interne zentrale Rufnummer und da melde sich immer jemand anderes.

7. Nach einer erneuten Bitte, mir doch wenigstens per Reply den Eingang der Mails zu bestätigen, erläuterte Sie mir noch einmal, dass sie nicht in der Lage ist, E-Mails zu verschicken.

8. Nach einer nochmaligen Nachfrage nach der „Ticket-Nummer“ erhielt ich plötzlich (etwa 2 Minuten nachdem dies im Gespräch von der Mitarbeiterin erstmals erwähnt wurde) die Auskunft, dass keine „Ticket-Nummer“ erstellt wurde, sondern lediglich ein Kundenkontakt.

9. Nach meinem Hinweis, dass der Kundenkontakt zumindest zu diesem Auftrag bereits seit Wochen besteht, legte die Mitarbeiterin wortlos auf.

Ich bitte um eine zügige Rückmeldung, vielen Dank.

Juergen Pohl

[Es folgen die beiden E-Mails an „xxxxx t-online.de“]

Auch diese Mail wird mit der Option „Empfangsbestätigung“ verschickt. Die Empfangsbestätigung trifft nach nur wenigen Sekunden bei mir ein. Es geht also doch. Alle meine Hoffnungen konzentrieren sich nun auf das Team von „Telekom_hilft“.

Es ist erst 14:15 Uhr. Wegen der vielen Ereignisse endet an dieser Stelle der 8.Akt.

Ende des 8. Aktes. Im nächsten Akt kommt das Team von “Telekom_hilft” in letzter Minute wieder ins Spiel und erweist sich als Retter in der Not. Es geht sogar so weit, dass  sich”Telekom_hilft” als strahlender Sieger in Sachen Kundenbetreuung erweist.

Zum 9. Akt bitte hier entlang!

Stay tuned…

Hinweis:

Alle Tweets sind als Grafiken in den Text eingefügt und absichtlich nicht mit Twitter verlinkt. Die Kürzel der Telekom-Mitarbeiter habe ich geschwärzt, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter möglich sind.