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NSU: Die Sache mit den vernichteten Akten. Eine Geschichte, so schön wie ein Märchen.

4.11.2011- Eisenach: Bankraub und Suizid von Böhnhardt und Mundlos.

Am 4. November 2011 flog durch reinen Zufall der NSU auf. Nach einem Banküberfall in Eisenach begingen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unter noch nicht abschließend geklärten Umständen in ihrem gemieteten Wohnmobil Selbstmord.

4.11.2011- Zwickau: Nach Wohnungsbrand taucht Zschäpe unter.

Ein paar Stunden später flog die Wohnung von Beate Zschäpe in der Frühlingsstraße 26a in Zwickau in die Luft. Nach dem offiziellen Ermittlungsstand soll Zschäpe die Wohnung mit einem Benzin-Kanister in Brand gesteckt haben. Der genaue Hergang der Brandstiftung mit anschließender Explosion ist auch heute noch völlig ungeklärt. Unmittelbar danach ist Zschäpe untergetaucht.

8.11.2011 Zschäpe stellt sich der Polizei

Vier Tage später (am 08. November 2011) hat sich Zschäpe bei der Polizei selbst gestellt. Nach Auswertung der Spuren im Wohnmobil in Eisenach und in der Wohnung in Zwickau war recht schnell klar, dass Böhnhardt und Mundlos hinter der bis dahin ungeklärten Mordserie mit mindestens 10 Todesopfern, mindestens 2 Bombenanschlägen und einer Reihe von Banküberfällen stecken. Die genaue Rolle von Beate Zschäpe ist bis heute unklar.

11.11.2011: Aktenvernichtung beim Bundesamt für Verfassungsschutz

Nur drei Tage später, am 11.November 2011 wurden im Bundesamt für Verfassungsschutz 7 Akten, die möglicherweise einen direkten Bezug zur Mordserie hatten, vernichtet.

Dies nur zur Einleitung, die meisten Fakten dürften weitgehend bekannt sein.

Beruhigungsprogramm in der ARD: Eigentlich ist ja nichts passiert.

Die ARD-Dokumentation „Staatsversagen“, die einen Tag (21. August 2013) vor der Vorstellung des Abschlussberichtes des NSU-Untersuchungsausschusses ausgestrahlt wurde, muss durch die Darstellung der Aktenvernichtung folgenden Anschein beim Zuschauer erwecken:

„Der Skandal um die geschredderten Akten ist gar keiner, weil die vernichteten Akten wieder rekonstruiert werden konnten und somit zur Aufklärung der NSU-Mordserie wieder verfügbar waren.“

Auch andere Medien vermittelten diesen Eindruck, aber bleiben wir bei der ARD-Dokumentation:

Hier die Beschreibung der entsprechenden Szenen aus der ARD-Dokumentation „Staatsversagen“:

Kommentar aus dem Off:

Doch der größte Schock kam gleich am Anfang. Ausgerechnet das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte Akten von V-Leuten in der rechten Szene schreddern lassen.”

Clemens Binninger, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss zur Aktenvernichtung:

Genau solche Aktionen sind geeignet das Vertrauen zu erschüttern und Verschwörungstheorien Nahrung zu geben. Und deshalb haben wir diese Schredder-Aktion umfassend untersucht.”

Hartfrid Wolff, MdB (FDP) zur Aktenvernichtung:

Dass Akten vernichtet worden sind, zeigt die unglaubliche Unsensibilität. Vielleicht auch mehr.”

Der Chef des Verfassungsschutzes Heinz Fromm: Erst schockiert, dann der Rücktritt.

Heinz Fromm, der verantwortliche Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz bahnt sich durch einen Pressepulk seinen Weg zum Untersuchungsausschuss. Kurz danach sei er zurück getreten. Und: Fromm sei über die Schredder-Aktion in seinem Amt schockiert, erfährt der Zuschauer.

“Sollte da etwas vertuscht werden? Hatte der Geheimdienst beim NSU seine Finger im Spiel?”

Diese sehr beunruhigenden Fragen werden an dieser Stelle (Minute 16:45) aus dem Off dem Zuschauer zugemutet. Die Dokumentation lässt den Zuschauer ganze 5 Sekunden im Ungewissen:

“Am Ende stellt sich heraus, ein Beamter hatte sich geirrt.”

Damit beruhigt die Erzählerin den geschockten Zuschauer. Und damit ganz gewiss alles gut ausgeht, setzt die Erzählerin noch eine Extra-Beruhigungspille oben drauf:

Und die Akten werden auf Druck des Ausschusses rekonstruiert. Aus Kopien, die bei anderen Ämtern lagern.”

Clemens Binninger zu den rekonstruierten Akten:

Wir durften ja auch, was es noch nie gab in der Geschichte die geschredderten Akten der V-Leute, sieben Stück, konnten ja wieder hergestellt werden und wir durften sie dann ansehen und wussten damit über die Klarnamen Bescheid. Dadurch waren wir wiederum in der Lage, übereinstimmend zu sagen, diese sieben Akten, diese sieben Personen haben nichts mit dem NSU-Trio oder mit den derzeitigen Angeklagten oder Beschuldigten zu tun.”

Damit ist auch dieser Themenkomplex mit ein paar Erklärungen aus dem Off und dem Interview mit Binninger abgeschlossen. Zu meiner kompletten Kritik der ARD-Dokumentation „Staatsversagen“ bitte hier entlang: >>

Die Beschreibung dieses Themas im Abschlussbericht des NSU-Ausschusses.
Nach der Lektüre des ca. 1.300 Seiten umfassenden Abschlussbericht des NSU-Ausschusses stellt sich der Sachverhalt jedoch völlig anders dar. Der komplette Bericht mit 1409 Seiten steht als pdf-Datei auf dem Server des Deutschen Bundestages als Download zur Verfügung. 

Auf Seite 790 des Berichts findet sich folgende Textpassage:

Umfang der Aktenvernichtung zwischen dem 4. November 2011 und dem 4. Juli 2012

Das Ergebnis seiner [Engelke] Untersuchung sei, dass zwischen dem 4. November 2011 und dem 4. Juli 2012 (Aktenvernichtungsstopp) im BfV (Anm.: Bundesamt für Verfassungsschutz.) Anlagenordner zu 26 G 10-Maßnahmen aus dem Bereich rechts vernichtet worden seien. Darüber hinaus seien 94 Personenakten und 8 Sachakten aus dem Bereich der „Auswertung“ und aus dem Bereich der „Beschaffung“ noch einmal 137 Akten der „Forschung und Werbung“ und 45 Akten zu Gewährspersonen vernichtet wurden. Dies ergibt eine Gesamtsumme von 310 Akten, die – neben der Aktenvernichtung am 11. November 2011 – zwischen dem 4. November 2011 und dem 4. Juli 2012 – dem Aktenvernichtungstopp im BfV – vernichtet wurden.

Was lernen wir daraus?

1. Es hat nach der Enttarnung des NSU 8 (in Worten: acht!) Monate gedauert, bis die Aktenvernichtung im Bundesamt für Verfassungsschutz per Anordnung offiziell gestoppt wurde.

2. Noch knapp 7 Monate, nachdem der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages mit seiner Arbeit zur Aufklärung des NSU-Skandals begonnen hatte, wurden im Bundesamt für Verfassungsschutz weiter munter Akten vernichtet, die einen Bezug zu rechtsextrem motivierten Straftaten hatten.

3. Es geht bei Weitem nicht nur um 7 vernichtete Akten – so wie es der Zuschauer glauben soll – sondern um 310 Akten. Von diesen konnte keine rekonstruiert werden.

Zu den in der ARD-Dokumentation thematisierten rekonstruierten 7 Akten sagt der Bericht an mehreren Fundstellen Folgendes:

Auf Seite 774:

„Da nicht alle Teile der Beschaffungsakten zu anderen Organisationseinheiten außerhalb der Beschaffung gelangen, sind Aktenteile der o. g. sieben Beschaffungsakten nicht mehr rekonstruierbar.“

Und später, gleiche Seite:

„Der Zeuge Engelke hat in diesem Zusammenhang ausgeführt, dass zu den nicht mehr vorhandenen und wohl auch nicht rekonstruierbaren Teilen der Beschaffungsakten auch Treffberichte gehören.“

Auf Seite 782:

Auf die Frage, ob er ausschließen könne, dass sich in den nur teilrekonstruierten Akten nicht doch Angaben befunden hätten, die Grund für die Vernichtung sein könnten, hat der Zeuge Engelke ausgesagt:

Da es nur teilweise rekonstruiert wurde, muss man sagen: Wenn man einen bestimmten Teil nicht kennt, kann man es nicht ausschließen. Ich kann nicht sagen, ich kann es mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Ich kann es aber durch die Umstände, durch die Art der Rekonstruktion, durch die Motivlage, durch das, was ich habe, mit sehr, sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Nur sozusagen eine absolute kann ich nicht haben, einfach weil es nicht gelungen ist, die Akte hundertprozentig zu rekonstruieren.

Im Bericht gibt es unzählige weitere Fundstellen, die belegen, dass die sieben Akten, die am 11. November 2011 unter grotesken Umständen vernichtet wurden, zwar rekonstruiert wurden, aber bei Weitem nicht vollständig.

Darüber sollten wir nachdenken. Auch über die anderen 310 Akten, die endgültig verloren sind.

Vielleicht sollten wir auch ernsthaft über die ARD nachdenken. Eine derartige Nicht-Information sollte es nicht wieder geben.

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Auf dem Seziertisch: Die ARD-Dokumentation „Staatsversagen“

Am Donnerstag, den 22. August 2013 wurde der Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages offiziell vorgestellt. Ein Mammutwerk mit weit mehr als 1.000 Seiten eng bedrucktem Papier. Der komplette Bericht mit 1409 Seiten steht als pdf-Datei auf dem Server des Deutschen Bundestages als Download zur Verfügung. 

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Update vom 26.08.2013:
Am 22.08.2013 stellten die Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte der Nebenklage auf einer gemeinsamen Pressekonferenz eine gemeinsame Erklärung zum Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses vor. Die Presseerklärung beginnt mit einem Auszug aus der Vernehmung des pensionierten ehemaligen Chefs der Münchner Mordkommission Josef Wilfling am 22. Prozesstag im NSU-Prozess am OLG München:

Sie dürfen nicht den Fehler machen, die Dinge aus heutiger Sicht zu beurteilen. Damals hatten wir keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund“, erklärt der pensionierte Kriminaloberrat Wilfling am 11.07.2013 bei seiner Aussage im Prozess gegen Beate Zschäpe u.a. vor dem Oberlandesgericht München. „Jetzt tun Sie mal nicht so, als würde es keine türkische Drogenmafia geben“

Tipp: Das komplette Vernehmungsprotokoll inklusive mit dem sich anschließenden Eklat, über den die Presse so gut wie nicht berichtetete, gibt es hier zum Nachlesen.

Ein weiteres, wenn nicht das wichtigste Zitat der gemeinsamen Presseerklärung:

Heute wird dazu der Bericht der Untersuchungsausschuss des Bundestages veröffentlicht. Genau das entscheidende Problem wird darin in der gemeinsamen Wertung nicht benannt:

Institutioneller Rassismus.

Zur kompletten, extrem lesenswerten Presseerklärung bitte hier >> entlang.

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Passend zur Vorstellung des Abschlussberichts des NSU-Untersuchungsausschusses sendete die ARD einen Tag vorher die Dokumentation „Staatsversagen – Der NSU-Ausschuss und die schwierige Aufarbeitung“Die Dokumentation kann man sich noch (!)  hier in der ARD-Mediathek ansehen. 

Also los: Man reiche mir das Seziermesser!

Um auch möglichst viele Zuschauer zu erreichen, wählten die Verantwortlichen der ARD den beliebten Sendeplatz um 23:35 Uhr und kündigten den mit Spannung erwarteten Beitrag vollmundig an:

„Ein trauriger Fall von Staatsversagen.“ Das Urteil des NSU-Untersuchungsausschusses fällt parteiübergreifend vernichtend aus. Erstmals in der deutschen Parlamentsgeschichte haben alle im Bundestag vertretenen Parteien über Monate an einem Strang gezogen. Ihr Ziel: gemeinsam aufzuklären, warum die NSU mehr als zehn Jahre unentdeckt durch Deutschland ziehen und morden konnte. Quelle: >>

Kein Mangel an Fakten für eine grandiose Dokumentation …

Die leider wahre Story der NSU-Mordserie, die unsäglichen „Fehler“ und „Pannen“ der Mordermittler, die Verstrickung der Geheimdienste, der Bundesanwaltschaft, dem BKA und den Innenministern mit den Morden, schon dies eine grandiose Vorlage für eine gelungene Dokumentation. Noch mehr gefällig? Die grotesken Auftritte leitender Verfassungsschützer vor den diversen Untersuchungsausschüssen und die jahrelangen falschen Beschuldigungen engster Angehöriger der NSU-Mordopfer sollte genügend Stoff für eine packende, wahrheitsgetreue Dokumentation liefern.

… Totalversagen, Ermittlungspannen, Vertuschungen, rassistisches Gedankengut ..

Zugegeben: 28 Minuten und 38 Sekunden Sendezeit reichen nicht einmal im Ansatz aus, um die Dimension des totalen Versagens sämtlicher Organe des deutschen Staates auch nur annähernd darzustellen. Unglaubliche Ermittlungsfehler, Vertuschungen, Pannen und jede Menge rassistisches Gedankengut. Dies alles machte eine seit dem Untergang von Nazi-Deutschland die beispiellose, rechtsextrem motivierte Mordserie in der Bundesrepublik erst möglich.

… und trotzdem ein katastrophales Ergebnis.

Die gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche ARD, ein Gigant in der Medienlandschaft mit einer schier unerschöpflichen Personalausstattung und ein vermutlich exorbitant hohes Budget für die Dokumentation, führte zu diesem Resultat: Eine Dokumentation, die sich nicht vom Niveau des seichten Infotainments von „Wissensmagazinen“ der privaten Konkurrenz abheben kann.

Wer aus diesem Stoff, mit auf dem silbernen Tablett gelieferten Skandalen und mit den gigantischen Ressourcen der ARD im Rücken keine informative, packende Dokumentation stricken kann, der sollte dies bleiben lassen. Und zwar für alle Zeiten.

Oder war das Ergebnis so gewollt?

Bei diesem Themenkomplex drängt sich jedoch eine andere Erklärung für die seichte Unterhaltung, die uns da zu später Stunde vorgesetzt wurde, auf: Die Dokumentation sollte so seicht sein. Der Zuschauer sollte nicht informiert, sondern sollte mit altbekannten Fakten eingelullt werden. Durch fragwürdige Statements sollte in der Bundesrepublik die Erkenntnis verbreitet werden, dass dank des Untersuchungsausschusses die Aufarbeitung der NSU-Mordserie und damit die Beantwortung aller noch offenen Fragen praktisch abgeschlossen ist. Die restlichen Unklarheiten aufklären? Kein Problem!

Die Einleitung: Quälend lang, wenige Fakten aber dramatisch inszeniert.

Wir erinnern uns: 28 Minuten und 38 Sekunden Sendezeit für ein derart umfangreiches Thema. Gleich zu Beginn wird wertvolle Zeit vertrödelt. Das Publikum soll von der trauernden Tochter des am 13.Juni 2001 in Nürnberg ermordeten Abdurrahim Özüdoğru erfahren. Die mutmaßlichen Täter: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Die Einleitung, die letztendlich auch den Untersuchungsausschuss erwähnt, sind dem Autor knappe 2 Minuten und 30 Sekunden wertvolle Sendezeit wert. Auch der guten Zusammenarbeit der politischen Erzfeinde Petra Pau, MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages (Die Linke) und dem ehemaligen Polizeibeamten Clemens Binninger, MdB (CDU) widmet der Autor der Dokumentation viel Zeit.

Pure Harmonie: Ein Spaziergang durch Merkels Keller.

Vor allem, dass sich die Beziehung der beiden auf wundersame Weise während der Arbeit im Untersuchungsausschuss offenbar von grundverschiedenen Weltanschauungen in blanke Harmonie wandelte, wird dramatisch in Szene gesetzt: Binninger und Pau laufen durch die kilometerlangen unterirdischen Gänge des Regierungsviertels. Sie laufen eine gefühlte Ewigkeit durch kahle Flure, an der Decke Neonröhren als Beleuchtung. Sie laufen weiter, jetzt immer wieder durch kurze Interview-Schnipsel unterbrochen. Und sie laufen immer noch, ständig mit dramatischer Filmmusik untermalt. Allerdings laufen die beiden getrennt in verschiedenen Fluren. Doch keine blanke Harmonie?

„Einstimmig setzt der Bundestag im Januar 2012 den Untersuchungsausschuss ein. Er soll klären, warum ein rechtsextremes Terrortrio zehn Jahre lang unbemerkt raubend und mordend durch Deutschland ziehen konnte. Zum 1. Mal ist ein Untersuchungsausschuss kein Kampfmittel der Opposition gegen die Regierung. Die Abgeordneten versprechen sich gleich zu Beginn, auf Parteipolitik zu verzichten. Zu tief sitzt der NSU-Schock“, so der Kommentar.

Nach quälend langen 4 Minuten 20 Sekunden kommt die Tochter Tülin des Mordopfers endlich zum Kern der Sache: Die verschwundenen Akten, die Ermittlungen gegen Angehörige der Familie Özüdoğru wegen Drogenhandels.

„Als Abdurrahim Özüdoğru nach seinem Tod als Drogenhändler bezichtigt wurde, haben sich viele Freunde abgewandt,“ sagt die Erzählstimme.

Tülin Özüdoğru zur Zeit kurz nach dem Mord:

„Ich denke, die haben davor Angst bekommen, dass sie mit der Tochter eines Kriminellen zu tun hatten. Das war ja leider der Eindruck damals. Und ich hatte keine Kraft mehr, jedem zu sagen es ist nicht so, sich zu rechtfertigen. Man zieht sich dann nur noch zurück hört einfach auf, man ist nur noch müde und möchte gar nichts mehr hören und sehen.“

Kein Thema in der Dokumentation: Wie Ermittler Familienangehörige drangsalierten.

Das kurze Interview mit Tülin Özüdoğru deckt sich zu 100 Prozent mit den Aussagen der Witwe und der Schwiegermutter des am 29. August 2001 in München hingerichteten Habil Kiliç, die sie bei ihrer Vernehmung vor dem Strafsenat des NSU-Prozess am OLG München machten:

Ausschnitt aus der Vernehmung der Witwe von Habil Kiliç am 11. Juli 2013:

„Die Tochter wurde von der Schule abgemeldet. Wir waren ja tatverdächtig.

Frau Kiliç macht eine kurze Pause, bevor sie antwortet. “Es war nicht einfach. Ich will nicht, zu Hause darüber geredet wird. Meine Tochter hat Probleme mit der Schule gehabt und wurde von der Schule abgemeldet. Die Schule hat Angst um die anderen Schüler gehabt. Wir waren ja tatverdächtig. Die (Anm.: Schule, Polizei, Gericht) haben mich wie an eine Kette gehängt. Ich hab keine Nerven mehr.” Quelle: >>

Ausschnitt aus der Vernehmung der Schwiegermutter von Habil Kiliç am 11. Juli 2013:

Götzl: “Wie ist die Familie mit dem Tod von Kiliç zurechtgekommen?”

Erdan O.: “Zuerst durften sie nicht in ihre Wohnung. Die Polizei hat die Wohnung mit schwarzem Pulver völlig verwüstet. Meine Tochter musste Miete für die Wohnung und den Laden bezahlen, obwohl beides von der Polizei abgesperrt wurde. Die Zeitungen haben uns fertig gemacht. Die haben von Rauschgiftgeschäften geschrieben. Meine Tochter fand keine neue Arbeit. Bei einer Bewerbung haben die ihr eine Zeitung auf den Tisch gelegt. Die Zeitung schrieb: ‘Das ist die Mörderfamilie’”.

Götzl: “Und wie ging es Ihrer Enkelin?”

Erdan O.: “Mein Partner und ich haben uns um sie gekümmert. Die Schule wollte sie rausschmeißen. Die Schulleitung hat gesagt: Wir haben Angst, dass jemand mit einem Maschinengewehr kommt und alle Schüler erschießt.” Quelle: >

Wie erklärt man den NSU-Skandal im Ausland? Was ist eigentlich bei uns los?

„Ich habe Freunde aus England, habe Freunde aus Ungarn. Wenn ich denen erklären müsste, dass in Deutschland so etwas verschwinden kann,“ so Tülin Özüdoğru in einem weiteren Interview-Schnipsel.

Anschließend stellt sie zwei Fragen, die alles was mit der Mordserie des NSU betrifft, prinzipiell auf den Punkt bringt: „Wohin sind wir denn gekommen? Was ist los mit uns allen?“

Eine harmlose Beschreibung für katastrophale Zustände: „Ein großes Behördendurcheinander.“

Auch der NSU-Untersuchungsausschuss sucht Antworten auf diese Fragen, dass 10 Mordfälle nacheinander untersucht und dazu Polizisten und Amtschefs vorgeladen werden müssen, erfährt der Zuschauer gleich anschließend. Dass die Abgeordneten und Mitglieder des Untersuchungsausschusses zunächst auf ein – Zitat: „großes Behördendurcheinander“ stoßen, sollte niemanden wundern. Auch nicht diejenigen, die sich nur sporadisch mit dem Thema NSU beschäftigt haben. Aber die Formulierung verwundert angesichts der unglaublichen Vorgänge, die der Ausschuss aufklären soll, schon ein wenig. Halten wir dem Autor der Dokumentation einfach mal zugute, dass es in der deutschen Sprache keine geeignete Vokabel gibt, um das „große Behördendurcheinander“ auch nur ansatzweise angemessen zu beschreiben. Mir ist jedenfalls keine eingefallen.

Die Nürnberger Ermittler sind schuld am Durcheinander.

Die Dokumentation begründet das „große Behördendurcheinander“ mit den Ermittlern aus Nürnberg. In Nürnberg begann die Mordserie des NSU. In Nürnberg wurde deswegen eine Sonderkommission mit dem sinnigen Namen „Bosporus“ gegründet. In Nürnberg wurden die Ermittlungen zur Mordserie auch dann nicht abgegeben „als es bundesweit schon neun Morde mit derselben Tatwaffe gab.“

Wolfgang Wieland, MdB, Obmann der Grünen im NSU-Untersuchungsausschuss am 11. Mai 2012 bei einer Pressekonferenz zum NSU-Ausschuss:

„Hier war offenbar ein Denken: Hauptsache ich bin zuständig und Hauptsache ich bleibe zuständig, ob ich nun gut arbeite oder ob ich schlecht arbeite.“

Clemens Binninger, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss ebenfalls am 11. Mai 2012:

„Es war schon ein Kompetenz-Wirrwarr. Man hatte phasenweise den Eindruck, dass es nach dem Motto ging: Mein Fall, meine Spur, mein Personal.“

Eine Anordnung von den obersten Ermittlern, die aber niemanden interessiert.

Wie wenig sich die Nürnberger Mordermittler der SoKo Bosporus um die Anweisungen der übergeordneten Behörde, dem BKA scherten, zeigt die Dokumentation anhand von abgefilmten BKA-Akten. So verlangte das BKA 2006 in einem Dossier die weiteren Ermittlungen zentral zu führen und begründete dies mit Doppelarbeit und schweren Ermittlungspannen.

Im Film ist tatsächlich ein Schreiben des BKA mit folgendem Briefkopf zu sehen:

„Bundesweite Mordserie (9 Einzeltaten) unter Nutzung derselben Waffe (Ceska 83) mit vermutetem OK-Hintergrund.

(Anmerkung des Autors: OK = Organisierte Kriminalität)

hier: Anregung der zentralen Ermittlungsführung durch das BKA gemäß § 4 Abs.2 Nr. 1 oder Nr.2 BKAG

Bezug: Mündliche Erörterung VP Falk mit UAL/P I vom 20.04.2006″

„Doch nichts geschah,“ sagt die Erzählstimme um die scheinbar enorme Wichtigkeit dieses BKA-Schreibens besonders herauszuheben.

BKA-Anordnung kam 9 Morde zu spät.

Dass dieser offizielle Brief, auch wenn ihn die Nürnberger Ermittler befolgt hätten, zu spät, viel zu spät verschickt wurde, erwähnt die Dokumentation nicht. Das Schreiben bezieht sich eindeutig auf eine mündliche Erörterung vom 20. April 2006. Am 06. April 2006 schlug der NSU – nach heutigem Erkenntnisstand – zum vorletzten Mal zu und erschoss Halit Yozgat in seinem Internet-Café in Kassel unter besonders abenteuerlichen Umständen. In unmittelbarer Nähe hielt sich ein Verfassungsschützer zufällig zur exakten Tatzeit entweder im oder vor dem Internet-Café auf. Der Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes hat nach offiziellen Ermittlungen von dem Mord nichts bemerkt. Yozgat wurde nur 21 Jahre alt und gilt – bis jetzt – als das jüngste Opfer der NSU-Mordserie.

Auch den 10. Mord konnte das BKA nicht verhindern.

Auch die nur ein Jahr ältere Polizistin Michèle Kiesewetter konnte der Brief vom BKA nicht mehr retten. Sie wurde unter völlig ungeklärten Umständen am 25. April 2007 während ihres Dienstes auf der Festwiese in Heilbronn mit einem gezielten Kopfschuss ermordet. Michèle Kiesewetter gilt nach dem heutigen Stand der Ermittlungen als das letzte Opfer des NSU.

Das Prinzip Föderalismus: Genialer Schutzmechanismus für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe?

Eva Högl, MdB, SPD-Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss:

„Man kann so weit gehen zu sagen, dass das Terrortrio sich den Föderalismus zunutze gemacht hat. Die kamen aus Thüringen, sind in Sachsen untergetaucht und haben die Morde überwiegend mit Ausnahme von Rostock in Westdeutschland verübt.“

Als ich das Interview zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich mir, dass diese These von Eva Högl doch etwas weit hergeholt ist. Sollten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und ihre noch unbekannten Unterstützer das Prinzip Föderalismus als Bestandteil ihrer Mordvorbereitungen genutzt haben?

Der Föderalismus: Die Erklärung für die Opferauswahl?

Das würde bedeuten, dass der Föderalismus einen Beitrag zum noch völlig ungeklärten Punkt Opferauswahl geleistet hat. Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass sich das NSU-Trio – und ich betone hier ausdrücklich das eigenständige Trio – ernsthaft mit dem bundesdeutschen Föderalismus im Hinblick auf eine erschwerte Strafverfolgung beschäftigt hat. Als noch unwahrscheinlicher halte ich es, dass der Föderalismus für das Trio (!) eine Rolle zur Auswahl der Tatorte und Opfer gespielt hat.

Ein höchst brisantes Interview mit Eva Högl. Wenn man die Rollen tauscht.

Eva Högls Interview bekommt aber wesentlich mehr Gewicht und gewinnt deutlich an Brisanz, wenn man diesen Zusammenhang aus einer anderen Perspektive sieht. Und zwar nicht aus der Täterperspektive, sondern aus der Perspektive der Strafverfolger. Nur Beamte der föderalistisch organisierten Verfassungsschutzbehörden der Länder, die wiederum dem Bundesamt für Verfassungsschutz unterstehen, können abschätzen, inwieweit eine Strafverfolgung strukturbedingt so behindert werden kann, dass es sich zur Planung und Durchführung einer Mordserie „rentiert“ die Hinrichtungen auf verschiedene Bundesländer zu verteilen. Das Gleiche gilt in diesem Fall auch für die ebenfalls föderalistisch organisierten Landeskriminalämter, die dem Bundeskriminalamt unterstehen. Für den BND und MAD gilt diese Annahme nicht.

Die zwei Gesichter des Herrn Beckstein.

Petra Pau:

„Herr Beckstein hatte und hat immer meinen Respekt gehabt in seinem Vorgehen gegen den Rechtsextremismus, auch gegenüber dem militanten Rechtsextremismus. Es gab schon Zeiten, da haben wir gemeinsam dafür gestritten, wie man diese ekelhaften Neonazi-Aufmärsche in Wunsiedel verhindern kann.“

Mag sein, dass Pau und Beckstein über ekelhafte Neonazi-Aufmärsche zum Gedenken an Rudolf Hess gestritten haben. Allerdings hat Beckstein auch dafür gesorgt, dass diese Aufmärsche unter seiner Befehlsgewalt als Innenminister und damit oberster Dienstherr der bayerischen Polizei ungestört stattfinden konnten. Und zwar durch unverhältnismäßig und ziemlich ekelhaft prügelnde Polizisten.

Becksteins Blumenhändler: Enver Simsek, das 1. Mordopfer des NSU.

Günther Beckstein kannte das 1. Mordopfer des NSU den Blumenhändler Enver Simsek – erschossen am 09. September 2000 – sogar persönlich. Manchmal hätte er dort Blumen eingekauft. Beckstein ist ein absolut bodenständiger Mensch. Deswegen kann man die Darstellung, dass Beckstein am 10. September 2000, also bereits einen Tag nach dem 1. Mord einen ausländerfeindlichen Hintergrund in sein Kalkül zog durchaus glauben. Beckstein hatte an den Rand eines Artikels zum Mord an Simsek Folgendes geschrieben: „Bitte genau berichten! Ist ausländerfeindlicher Hintergrund denkbar?“

Günther Beckstein war sich immer sicher: Rechtsextrem motivierte Gewalttäter sind dringend tatverdächtig.

Dass sich selbst Beckstein als ehemaliger bayerischer Innenminister mit dem Ruf ein „Hardliner“ zu sein, sich nicht gegen Polizeikreise durchsetzen kann, ist extrem bemerkenswert. Vor allem ist die Arbeitstheorie der Ermittler, die dem Innenminister Beckstein untergeordnet sind, nicht fundiert, durch nichts beweisbar und damit an den Haaren herbei gezogen. Der Ermittlungsansatz: Kleinkriminelle. Und: Die Morde sind Abrechnungen innerhalb der organisierten Kriminalität.

Nur ein Profiler teilte Becksteins Meinung. Die Ermittler litten weiter an ihrer rechtsbetonten Sehschwäche.

Nachdem der Profiler Alexander Horn rechtsextreme Täter offenbar für möglich hielt, seien einige Neonazis sogar überprüft worden. Diese Überprüfungen wären nur im Raum Nürnberg durchgeführt worden und hätten zu keinem Ergebnis geführt, so ein weiteres Ergebnis aus dem Untersuchungsausschuss. Ein Polizeigutachten hätte jedoch belegt, dass die Morde typisch für Ausländer wären.

Die Struktur der Dokumentation bleibt rätselhaft.

In welchen Zeitabständen und mit welchen Tathintergründen diese Ergebnisse den Ausschuss beschäftigten, erfährt der Zuschauer leider nicht. Ob die Präsentation der einzelnen Fakten in chronologischer Reihenfolge stattfindet, bleibt ebenfalls unklar.

SoKo Bosporus: Der Name ist kein Zufall!

Sebastian Edathy, MdB (SPD), Leiter des NSU-Untersuchungsausschuss zum Namen der SoKo „Bosporus“:

„Mit der Bezeichnung „Bosporus“ hat man von vornherein durch die Wortwahl zum Ausdruck gebracht, dass man eigentlich davon ausgeht, dass die Morde mit der eigenen deutschen Gesellschaft nichts zu tun haben können.“

Günther Beckstein und der NSU-Untersuchungsausschuss.

Günther Beckstein nimmt also seine Beamten vor dem Untersuchungsausschuss in Schutz, erfährt der Zuschauer. Trotzdem sei er tief erschüttert ob der Geschehnisse. Ein augenscheinlich erschütterter Günther Beckstein gibt am Rande des NSU-Untersuchungsausschusses am 24. Mai 2012 folgendes Statement ab:

„Ich finde auch heute noch nicht den Weg, wo man sagt, wenn man das gemacht hätte, dann hätte man die Täter am nächsten Tag festgenommen. Leider nein.“

Zur Erinnerung: Das Statement stammt vom 24. Mai 2012! Der letzte uns bekannte Mord des NSU liegt mehr als fünf Jahre zurück. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sind vor gut einem halben Jahr unter noch nicht abschließend geklärten Umständen zu Tode gekommen, ebenfalls seit gut einem halben Jahr sitzt Beate Zschäpe in Untersuchungshaft. Seit Wochen ist die Öffentlichkeit wegen seltsamen Meldungen über Vernichtungsaktionen von Akten, die mit der NSU-Mordserie in Zusammenhang stehen könnten, alarmiert.

Der gescheiterte Held: Günther Beckstein

Und da steht unser Günther Beckstein, der ehemalige bayerische Innenminister, der gefürchtete „Hardliner“, der „Law and Order Man“ in einem desolaten Zustand vor der Presse und stammelt vor sich hin. Beckstein war bereits im Jahr 2000 nach der Hinrichtung des – seines – Blumenhändlers Enver Simsek davon überzeugt, dass hier rechtsextrem motivierte Gewalttäter am Werk waren. Er war während der gesamten NSU-Mordserie davon überzeugt.

WARUM? Warum schaffte es Beckstein nicht, seine Überzeugung in Ermittlungsarbeit umzusetzen?

Er hat es damals als bayerischer Innenminister nicht geschafft in seiner Funktion als oberster Dienstherr der bayerischen Polizei die Ermittlungen in die richtige, in die rechte Richtung zu lenken. Auch in seiner Funktion als bayerischer Ministerpräsident (2007 bis 2008) konnte er diesbezüglich nichts ausrichten. Da kann es nur eine Frage geben: Warum?

Das rätselhafte Konzept der Dokumentation.

Die Struktur (sollte es denn eine geben) der Dokumentation wird immer rätselhafter. Nach Beckstein geht es mit dem NSU-Trio in den Urlaub.

Der Zuschauer sieht Urlaubsfotos und Filme von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe mit dem Hinweis, dass sich die Drei von Unterstützern mit Waffen und falschen Papieren versorgen ließen. So hätten sie sich frei in Deutschland bewegen können und wären keiner Behörde aufgefallen.

Nach bunten Urlaubsbildern und einem Filmschnipsel der eine schwitzende Beate Zschäpe in einer Gymnastikgruppe zeigt, findet sich der Zuschauer plötzlich in Jena wieder.

Die Garagen der Beate Zschäpe in Jena – ein erster Höhepunkt des Totalversagens.

Im Januar 1998 fand die Polizei in einer dieser Garagen 5 fertige Bomben. Da die Haftbefehle zu spät ausgestellt worden wären, hätten die Drei entkommen können. Trotz des Bombenfundes sei die Garage nur nachlässig durchsucht worden.

Petra Pau:

„Es hat mich genau wie den Kollegen Binninger, der von seiner Profession Polizist ist genauso entsetzt, dass Polizisten des Landes Thüringen, aber auch des BKA nicht einmal das Einmaleins der Feststellung und Bewertung von Asservaten dort beherrscht haben. Da findet man eine Liste mit dem „who is who“ der gesamten militanten, rechtsextremen Szene der Bundesrepublik. Telefonnummern, Adressen, usw. und legt sie für die Ermittlungen als unrelevant ab.“

Das Thema Garagen und der damit verbundenen initialen, wohl folgenschwersten „Ermittlungspanne“ ist hiermit abgeschlossen.

Verfassungsschutzämter hielten Informationen zurück.

Dafür geht es jetzt wieder zurück nach Berlin, in den Untersuchungsausschuss. Zeit, um den Zuschauer über weitere unglaubliche Zustände in den Landesämtern für Verfassungsschutz zu informieren.

Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses hätten nämlich erfahren, dass Verfassungsschutzämter Hinweise auf die Untergetauchten gehabt hätten und diese für sich behalten. Auch hier bleibt unklar, wann der Untersuchungsausschuss davon Kenntnis bekam.

Sebastian Edathy:

„Man wusste wenige Wochen nach dem Abtauchen: Die wollen sich bewaffnen, die wollen Überfälle begehen, die wollen ins Ausland flüchten. Alles drei Hinweise, die damals absolut zutreffend waren. Die, nach unserem Befund, die Polizei in Thüringen, die auf der Suche nach dem Trio war nie erreicht hatten.“

Wieder verwirrt die Dokumentation, die Fakten fallen abermals unter den Tisch.

Wer hier wann von was Kenntnis hatte, das erfährt der Zuschauer leider nicht. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung zu wissen, welche Behörde zu welcher Zeit von welchem Umstand Kenntnis hatte. Und noch wichtiger: Welche Behörde hat ihre Erkenntnisse nicht weitergeleitet. Das sind die entscheidenden Punkte, um zumindest eine kleine Ahnung von den unglaublichen Vorfällen bei den Ermittlungsbehörden zu bekommen. Informationen darüber: Absolute Fehlanzeige. Dafür jede Menge aus dem Zusammenhang gerissene Fakten, die durch die filmische Inszenierung eher verwirren, als informieren. Mit dem obigen Interview mit Sebastian Edathy ist auch diese Thema in der Dokumentation angeschlossen. Dafür findet sich der Zuschauer plötzlich im Jena der frühen 90er Jahre wieder.

Unnötige Zeitverschwendung, aber dramaturgisch hervorragend umgesetzt: Die Jugendjahre des NSU-Trio.

Eine langatmige, aber dramatische Darstellung der Jugendjahre von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Jena der frühen 90er Jahre. Der Zuschauer sieht die seit Jahren immer wieder gesendeten gleichen Bilder. Allerdings: Dramaturgisch exzellent mit Unheil verkündender Filmmusik untermalt. Erkenntnisgewinn: Gleich null! Auch der sehr kurzer Anriss der V-Mann Problematik im Zusammenhang mit dem „Thüringer Heimatschutz“ kann hier nichts mehr retten. Als Retter dieses Kapitels könnte sich Clemens Binninger erweisen. Im Interview berichtet Binninger darüber, dass in Thüringen rechtsextrem motivierte Straftaten zu dieser Zeit praktisch nicht verfolgt wurden. Rettungsversuch gescheitert. Das kurze Interview geht nicht in die Tiefe. Bei den Filmszenen fehlen wichtige Fakten völlig.

Gerade noch in Jena der 90er Jahre, findet sich der Zuschauer im NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin wieder. Um welche Zeit es sich handelt erfährt man nicht. Und nein: Ich meine nicht die Uhrzeit. Eine Information zu Jahr und Monat wäre zum Verständnis extrem hilfreich.

Röwer schockiert den Untersuchungsausschuss. Warum eigentlich?

Auftritt des ehemaligen Chefs des Landesamtes für Verfassungsschutz in Thüringen Helmut Röwer. Die Mitglieder im Untersuchungsausschuss seien von Röwer schockiert gewesen, erfährt der Zuschauer. Sein Verfassungsschutz hätte den Schutz eines V-Mannes für wichtiger gehalten, als eine Verfolgung von Straftätern. Und: Röwer sei damals vom Bundesinnenministerium nach Thüringen versetzt worden.

Wolfgang Wieland zu Helmut Röwer und zum Verfassungsschutz in Thüringen:

„Ein Verfassungsschutz, der durch Glücksritter aus dem Westen aufgebaut wurde. Und der Chef Röwer sagte über sich selber: ‚Ich galt als Spitzenkraft.‘ Aber ich denke, nur in seiner Einbildung.“

Das Thema Röwer ist mit diesem Interview beendet. Dabei gäbe es unglaubliche Sachen über ihn zu berichten. Beispielsweise die Sache mit dem Fahrrad auf dem Flur und … Ach lassen wir das, ich arbeite ja nicht für die ARD.

Petra Pau zum Verfassungsschutz in Thüringen:

„Es ist für mich ein Stück aus dem Tollhaus, dass offensichtlich Verfassungsschützer dort in die Staatsanwaltschaften marschieren konnten, sich Ermittlungsakten ziehen konnten und informiert waren über die nächsten Ermittlungsschritte. Ich muss vermuten, dass der Verfassungsschutz seine Quellen, bzw. auch andere Neonazis vor Exekutiv-Maßnahmen der Polizei und der Staatsanwaltschaften gewarnt haben.“

Interview mit Hartfrid Wolff, MdB (FDP) zum Verfassungsschutz in Thüringen:

„6-. Also die Note 6- ist aus meiner Sicht tatsächlich für den Verfassungsschutz in Thüringen damals sehr sehr deutlich zu sehen.“

Auch der Verfassungsschutz in Thüringen ist mit diesem Interview abgehandelt. Setzen! 6!

Röwer! Der Verfassungsschutz in Thüringen! Und keine Fakten! Es ist nicht zu fassen.

Weshalb, wodurch, womit oder warum der damalige Chef des Verfassungsschutzes in Thüringen Helmut Röwer die Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses dermaßen schockiert haben soll, bleibt für den Zuschauer ein Rätsel. Sicher: In den Interviews zum thüringischen Verfassungsschutz und speziell zu dessen Chef Röwer finden sich jede Menge „schockierende“ Details. Dass der Untersuchungsausschuss von Röwer schockiert war, steht außer Frage. Die wahren Gründe dafür erfährt der nicht eingeweihte Zuschauer nicht. Auch die in der Dokumentation sehr häufig vorkommende Vokabel „damals“ trägt nicht zum Erkenntnisgewinn bei. Die zeitliche Einordnung der Vorkommnisse ist so für den Zuschauer nicht möglich. Die Reihenfolge der Geschehnisse ist jedoch gerade bei dieser sich über Jahre hinwegziehenden höchst komplexen Angelegenheit immens wichtig, um das ungeheuerliche Ausmaß des „Staatsversagens“ wenigstens im Ansatz zu erfassen.

Eine Schiffsreise in die Türkei. Unnötiger Zeitaufwand. Kein Erkenntnisgewinn.

Der verwirrte Zuschauer findet sich plötzlich auf hoher See wieder. Auf einem Schiff. Offenbar fährt das Schiff in die Türkei. Das Filmteam begleitet die Witwe und Tochter des ermordeten Abdurrahim Özüdoğru in die Türkei. Es folgt ein Treffen mit dem Onkel von Tülin Özüdoğru, dem Bauingenieur Coskun Cacar.

Die Aufarbeitung des NSU-Skandals. Aus türkischer Sicht.

Nach einem viel zu langen Ausflug in die Vergangenheit der Familie Özüdoğru führt die Erzählerin den Zuschauer endlich wieder zum Thema zurück:

„Und dann sagt er (Coskun Cacar), was viele hier in der Türkei über den Umgang mit der NSU-Mordserie in Deutschland denken.“

Coskun Cacar:

„Ich erinnere ja nur ungern an die deutsche Vergangenheit. Aber im Dritten Reich wurden Minderheiten auf Anweisung der Regierung umgebracht. Umso sensibler müssen deutsche Politiker nach den NSU-Morden doch agieren und die richtigen Zeichen setzen. Aufklären, was passiert ist. Das ist doch existenziell auch für das Bild Deutschlands in der Welt.“

Mit diesem Interview ist auch dieser wichtige Aspekt kurz, knapp aber nicht ausführlich genug abgehandelt. Dafür begleitet das Filmteam die Beiden ausführlich in Bursa beim Einkaufen, bei der Anprobe eines Brautkleides und auf den Markt.

Die mächtigen und vielen Gegner des Untersuchungsausschusses.

Gerade noch am Gemüsestand im türkischen Bursa sieht sich der Zuschauer plötzlich mit den vertrauten Regierungsbauten in Berlin konfrontiert. Während Binninger dynamisch über diverse Treppen hinaufläuft, erfährt der Zuschauer dass der NSU-Untersuchungsausschuss wohl viele und mächtige Gegner hat. So würden sich Verfassungsschutzämter und Innenminister sich nicht in die Karten blicken lassen wollen. Deswegen würden sie die falschen oder gar keine Akten schicken.

Der Filmkommentar dazu:

„Doch der größte Schock kam gleich am Anfang. Ausgerechnet das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte Akten von V-Leuten in der rechten Szene schreddern lassen.“

Clemens Binninger zur Aktenvernichtung:

„Genau solche Aktionen sind geeignet das Vertrauen zu erschüttern und Verschwörungstheorien Nahrung zu geben. Und deshalb haben wir diese Schredder-Aktion umfassend untersucht.“

Interview mit Hartfrid Wolff zur Aktenvernichtung:

„Dass Akten vernichtet worden sind, zeigt die unglaubliche Unsensibilität. Vielleicht auch mehr.“

Der Chef des Verfassungsschutzes Heinz Fromm: Erst schockiert, dann zurück getreten.

Heinz Fromm, der verantwortliche Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz bahnt sich durch einen Pressepulk seinen Weg zum Untersuchungsausschuss. Kurz danach sei er zurück getreten. Und: Fromm sei über die Schredder-Aktion in seinem Amt schockiert, erfährt der Zuschauer. „Sollte da etwas vertuscht werden? Hatte der Geheimdienst beim NSU seine Finger im Spiel?“ Diese sehr beunruhigenden Fragen werden an dieser Stelle (Minute 16:45) aus dem Off dem Zuschauer zugemutet. Die Dokumentation lässt den Zuschauer ganze 5 Sekunden im Ungewissen: Am Ende stellt sich heraus, ein Beamter hatte sich geirrt,“ beruhigt die Erzählerin den geschockten Zuschauer. Und damit ganz gewiss alles gut ausgeht, setzt die Erzählerin noch eine Extra-Beruhigungspille oben drauf:

„Und die Akten werden auf Druck des Ausschusses rekonstruiert. Aus Kopien, die bei anderen Ämtern lagern.“

Also ist demnach die Schredderaktion im Bundesamt für Verfassungsschutz für die Aufarbeitung der NSU-Mordserie kein Problem mehr.

Clemens Binninger zu den rekonstruierten Akten:

„Wir durften ja auch, was es noch nie gab in der Geschichte die geschredderten Akten der V-Leute, sieben Stück, konnten ja wieder hergestellt werden und wir durften sie dann ansehen und wussten damit über die Klarnamen Bescheid. Dadurch waren wir wiederum in der Lage, übereinstimmend zu sagen, diese sieben Akten, diese sieben Personen haben nichts mit dem NSU-Trio oder mit den derzeitigen Angeklagten oder Beschuldigten zu tun.“

Im Vergleich zu den bisherigen Interviews wirkt Binninger hier unruhig, beinahe unsicher, er blinzelt häufiger und hat eine völlig andere Körpersprache. Damit ist auch dieser Themenkomplex mit ein paar Erklärungen aus dem Off und dem Interview mit Binninger abgeschlossen.

Das Thema Aktenvernichtung in der Dokumentation: Ein Meisterstück der Desinformation.

Was hat der Zuschauer erfahren? Es wurden Akten geschreddert. Das war falsch, aber es war nicht böse gemeint. Schließlich macht jeder mal Fehler. Außerdem waren es nur sieben Stück, die konnten aber alle rekonstruiert werden. Der Ausschuss hat also eine Super Arbeit gemacht. Und alles ist wieder gut.

Der NSU-Untersuchungsausschuss und sein Erfolgsrezept.

Das Erfolgsrezept des NSU-Untersuchungsausschuss: Alle Beschlüsse würden einstimmig gefasst. Kein Mitglied versuche Wahlkampfmunition zu gewinnen. Keiner würde Politiker oder Minister der eigenen Partei schonen. So fasst die Erzählerin die Arbeitsweise des Ausschusses zusammen.

Clemens Binninger zum Ausschuss:

„Natürlich. Nach der einen oder anderen Vernehmung vor den Kameras unterscheiden sich die Bewertungen. Das ist glaube ich ganz normal. Da wäre es jetzt naiv zu glauben, wenn wir auch da noch … Aber selbst dort gab es in vielen Bewertungen der Zeugenaussagen eine hohe, eine sehr hohe Übereinstimmung.“

Je höher der Rang des Zeugen, desto dümmer die Antwort.

95 Zeugen hätten vor dem NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt. Ein bemerkenswerter Umstand sei, dass die Qualität der Zeugenaussagen in dem Maße sinkt, je höher sich die Zeugen in der Beamtenhierarchie befinden.

Erfahrene NSU-Prozessbeobachter können diese Feststellung im Übrigen unterstreichen.

Petra Pau zu Zeugenvernehmungen:

„Wir sind im Ausschuss bei der Ladung und Vernehmung von Zeugen auf ein ganz seltsames Phänomen gestoßen. Ich habe es „Schwabendemenz“ genannt. Der am meisten gebrauchte Satz in den Vernehmungen war: ‚Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.‘ „

Das Thema Zeugen, ihre Stellung in der Hierarchie und das Krankheitsbild Schwabendemenz sind mit diesem Interview ebenfalls abgehandelt. Dabei gibt es Aussagen von Ministern, hohen BKA-Beamten, hochrangigen Verfassungsschützern, usw., die es in sich haben. Da gab es zum Beispiel den ehemaligen Innenminister, der vor dem Untersuchungsausschuss allenernstes … Ich muss mich schon wieder bremsen, aber was der Autor der Dokumentation aus diesem Themenkomplex gemacht hat, ist unterirdisch.

Wieder folgt ein plötzlicher Wechsel zu einem völlig anderen Thema.

Der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße.

Eine Kamerafahrt über die Keupstraße in Köln. Im Kommentar zu den Bildern erfährt der Zuschauer, dass das Versagen von Ermittlern und Politikern bei keinem anderen Tatort so klar und deutlich zutage trat wie beim Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße am 09. Juni 2004. Weitere Szenen aus der Keupstraße, teils aus Archiven, teils aktuelles Material folgen. Anwohner erzählen, wie die Situation kurz nach dem Anschlag war. Endlich kommt die Dokumentation wieder zum Kern der Sache: Die Nagelbombe.

Eva Högl zur Nagelbombe:

„Die Bombe, die Nagelbombe enthielt 800 10 cm lange Nägel. Das heißt, sie trifft in jedem Fall unschuldige Opfer. Eine typische Terrorbombe. Und trotzdem wurde gleich zu Beginn gesagt: Es ist kein Terroranschlag, und es war in jedem Fall kriminelles Milieu. Das ist komplett unverständlich.“

Im Anschluss weitere Bilder aus der Keupstraße. Polizeibeamte sichern Spuren. Es spräche alles für einen Terroranschlag, denn 5 Jahre vorher hätten Neonazis in London auch einen Anschlag mit einer Nagelbombe verübt, so der Kommentar zu den Bildern.

Die Nagelbombenanschläge 1999 in London

Tatsächlich gab es im Jahr 1999 in London eine Anschlagsserie mit Nagelbomben. Innerhalb von 13 Tagen lies ein einzelner Neonazi insgesamt drei Nagelbomben an verschiedenen Orten in London hochgehen. Der Attentäter, David Copeland, wurde durch die Aufnahmen einer Überwachungskamera recht schnell gefasst. Copeland wurde im Jahr 2000 zu einer sechsfachen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Mehr als 100 Menschen wurden durch die drei Anschläge teils schwer verletzt. Die Bauweise der Nagelbomben in London weist tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Bomben in Köln auf. Davon erfährt der Zuschauer durch die Dokumentation jedoch kein Wort.

Die Anordnung von ganz oben kommt bereits 60 Minuten nach dem Anschlag: Kein terroristischer Anschlag!

Bereits eine Stunde nach der Explosion hätte man im Polizeibericht die „irritierende Bitte“ den Begriff „terroristischer Anschlag“ zu streichen nachlesen können, so der Kommentar zu diversen abgefilmten Dokumenten. Im Film sind lediglich die Formulierungen „LZ an Minister“ und bruchstückhaft „Bitte um Streichung des Begriffes „terroristischer Anschlag“ aus den … [unleserlich]“ erkennbar.

Das bekannte Statement, das der damalige Bundesinnenminister Otto Schily nur einem Tag nach dem Nagelbombenanschlag abgab, wird im Kommentar als „mysteriös“ angekündigt.

Statement Bundesinnenminister Otto Schily am 10. Juni 2004:

„Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu.“

Ein ahnungsloser Schily sondert einen ungeheuerlichen Satz ab.

Diesen „ungeheuerlichen“ (Zitat) Satz hätte sich Schily vom Untersuchungsausschuss immer wieder vorhalten lassen müssen. Schily hätte fremdenfeindliche Hintergründe oder Motive praktisch von vornherein ausgeschlossen, obwohl er kurz nach dem Anschlag „völlig ahnungslos“ gewesen sei. Zudem hätte sich Schily bezüglich seines frühen Statements auf seine Ermittler berufen. So informiert der Kommentar sinngemäß die Zuschauer während die altbekannten Filmschnipsel, die Schily vor dem Untersuchungsausschuss zeigen, laufen.

Petra Pau zu den Ermittlungen in Köln:

„Ich unterstelle nicht, dass diese Beamten Rassisten sind. Aber die Ermittlungen hatten aus meiner Sicht regelrecht rassistische Züge. Und das gesteht man sich bis heute nicht ein.“

Der Verdacht der Opfer in der Keupstraße.

Der in der Keupstraße ansässige Haushaltswarenhändler Arif Sagdic wird im Kommentar nochmals kurz vorgestellt. Genau vor seiner Ladentür sei die Nagelbombe hochgegangen. Sagdic hätte „von Anfang an“ gewusst, dass nur Neonazis die Täter sein könnten. „Wer denn sonst hätte ein Interesse haben sollen, wahllos Türken zu verletzen?“ So wird Sagdic von der Erzählerin zitiert. Im direkten Anschluss folgt ein Interview mit Arif Sagdic.

Arif Sagdic zum Nagelbombenanschlag:

„Die Polizisten haben mich damals gefragt: ‚Wer war das? PKK? Hisbollah? Türkische Mafia?‘ Ich sagte, das liegt doch auf der Hand, wer das war. Neonazis! Und dann hat ein Polizist seinen Zeigefinger auf die Lippen gelegt und gesagt: ‚Pscht!‘ „

Der überall geäußerte Verdacht: Drogenkriminalität innerhalb der Familie.

Die Dokumentation zeigt eine Gedenkminute zur Erinnerung an die Opfer der NSU-Mordserie. Sie alle wären zu Verdächtigen gemacht worden, sie alle wären als mafiose Gesellschaft verdächtigt worden, die Anwohner der Keupstraße wären in einen „Drogenkrieg“ verstrickt. So der in diesem Zusammenhang eindringlich wirkende Kommentar zu den Bildern der Gedenkveranstaltung.

Hinweise auf die Täter, die (eigentlich) unübersehbar sind in rauhen Mengen.

Dabei hätten die Ermittler so viele und so klare Hinweise auf die Täter gehabt. Die Täter wären sogar vor dem Anschlag zu sehen gewesen. So der sinngemäße Kommentar zu den bekannten Bildern der Überwachungskamera in der Keupstraße auf denen der mutmaßliche Attentäter ein Fahrrad über den Bürgersteig schiebt. Auf dem Gepäckträger ist ein Koffer zu sehen, darin befand sich vermutlich die Nagelbombe. Die Person trägt eine Kopfbedeckung, das Gesicht ist zumindest in dieser gesendeten Version der Aufzeichnungen der Überwachungskamera nicht erkennbar.

Clemens Binninger zum Überwachungsvideo:

„Man hatte eine Datei beim BKA, eine Sprengstoffdatei. Tatmittelmeldedienst heißt die fachlich korrekt. Und hätte man in der Datei nur das eingegeben, was man auf dem Video gesehen hat: ‚Männlich‘, ‚Koffer‘, da war die Bombe drin. Und als Hypothese: ‚rechtsradikal‘. Dann hätte das BKA mit diesen drei Merkmalen eine Recherche durchgeführt und als Treffer wären gekommen: Mundlos und Böhnhardt. Weil sie mit sieben Delikten in dieser Datei gespeichert waren.“

In Köln: Totalversagen auf allen Ebenen.

Im Bild ist Fritz Behrens, der damalige Innenminister in Nordrhein-Westfalen zu sehen, der offenbar auf seine Vernehmung im Untersuchungsausschuss wartet. Das Porträt von Behrens wird sinngemäß folgendermaßen kommentiert: Den Ermittlern wäre das Kriterium rechtsradikal nicht mal einen Mausklick wert gewesen. Zudem hätte Totalversagen auf allen Ebenen geherrscht. Zum Stichwort Totalversagen erscheint das Konterfei von Fritz Behrens in Großaufnahme auf dem Bildschirm. Zudem hätte Behrens vor dem Ausschuss zugeben müssen, dass er niemals den Tatort Keupstraße besucht hätte.

Hartfrid Wolff zu Behrens:

„Die Aussage, die er traf, sagt doch alles wie kalt ein Innenminister mit diesem Thema, mit dem Anschlag in der Keupstraße umgegangen ist.“

Leider erfährt der Zuschauer nicht, welche Aussage des Innenministers gemeint ist. Das Thema Nagelbombe ist hiermit auch abgehakt.

36 Behörden, 10 Morde und 10 Jahre absolut keine Ahnung. War der Staat in die Morde verstrickt?

Im Bild die Vorbereitungen für eine Pressekonferenz mit den Mitgliedern des NSU-Untersuchungsausschusses. „War es wirklich möglich, dass 36 Sicherheitsbehörden in Deutschland in 10 Jahren nichts vom Terrortrio mitbekamen? Diese Frage stand immer im Raum,“ so der Kommentar.

Eva Högl zur Rolle des Staates:

„Wir haben natürlich die ganze Zeit die Frage gestellt: Hat irgendjemand an irgendeiner Stelle das Terrortrio gedeckt?“

Wolfgang Wieland zur Rolle des Staates:

„Wir haben immer gefragt. Fakten, Tatsachen? Wisst ihr was, habt ihr was gesehen? Und es kamen keine Tatsachen. Es kamen Vermutungen, es kamen Gerüchte, es kamen Verschwörungstheorien.

Sebastian Edathy zur Rolle des Staates:

„Es gibt bisher, und das will ich unterstreichen das ‚bisher‘ keine Anhaltspunkte dafür, dass eine staatliche Stelle oder mehrere zu irgendeinem Zeitpunkt entweder gewusst hätten, von dem, was dort an Straftaten geschieht und gleichzeitig gewusst hätten, wer dafür verantwortlich ist. oder gar die Täter unterstützt hätten.“

Die große Frage, ob staatliche Stellen in die Mordserie verwickelt sein könnten, ist somit auch abgehakt. Ohne irgendeinen Erkenntnisgewinn.

Der Polizisten-Mord in Heilbronn

Im Bild das Trafo-Häuschen auf der Festwiese in Heilbronn. Anschließend Bilder der Trauerfeier von der am 25. April 2007 in Heilbronn erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter. Sie gilt zumindest nach dem aktuellen Ermittlungsstand als das 10. und damit letzte Mordopfer des NSU. Beim Mordfall Kiesewetter müsse der Ausschuss kapitulieren. Es wären bis jetzt alle Fragen offen geblieben, so der sinngemäße Text, der die Bilder der Trauerfeier kommentiert. „Hat die Tat damit zu tun, dass die Polizistin aus Thüringen stammt? Oder damit, dass einige ihrer Kollegen beim rechtsextremen Ku-Klux-Klan mitmachten? Dieses Rätsel ist weiterhin ungelöst,“ so der Originalkommentar, während die Kamera auf den Sarg der mit 22 Jahren erschossenen Michèle Kiesewetter zoomt.

Sebastian Edathy zu Michèle Kiesewetter:

„Wir wissen nicht, ob Frau Kiesewetter Zufallsopfer wurde, oder gezielt als Opfer von den Tätern ausgesucht wurde. Da werden wir ganz klar konstatieren müssen im Abschlussbericht, dass wir bei allen Bemühungen dort nicht mehr Klarheit in die Sache haben bringen können.“

In wenigen Sekunden ist einer der seltsamsten Morde auch abgehandelt. Erkenntnis: Wir wissen heute genauso viel wie im Jahr 2007.

Der Abschlussbericht. Einstimmig beschlossen: Die Fehler sind einigermaßen klar geworden.

Im Bild die Vorbereitungen für ein Gruppenfoto aller Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses. Im Kommentar wird hingewiesen, dass der Abschlussbericht einstimmig verabschiedet wird und das dies zum 1. Mal in der Geschichte des Bundestages geschieht. „Die Fehler, die gemacht wurden, sind einigermaßen klar geworden. Doch was ist zu tun, damit sich ein solches Desaster nicht wiederholt?“

Noch herrscht Harmonie …

Ein versöhnlicher Kommentar, der den Zuschauer mit dem Glauben, dass jetzt wieder alles ins rechte Lot gerückt wird, aus dem Film entlassen könnte. Wenn es da nicht noch die eine oder andere Meinungsverschiedenheit zur Zukunft des Verfassungsschutzes geben würde. Dazu später.

Clemens Binninger zum Ausschuss:

„Wir dürfen kein Extremismus-Phänomen unterschätzen, so wie wir es beim Rechtsextremismus getan haben. Und wenn etwas passiert, dann müssen die Behörden zusammenarbeiten. Und die Dinge müssen auch zur Chefsache werden, schwere Verbrechen. Und wir müssen offen sein für alle Ermittlungen, uns nicht von irgendwelchen vorgefahrenen Ermittlungsrichtungen leiten lassen.“

Petra Pau zum Ausschuss:

„Wenn wir nicht jenseits eines Untersuchungsausschusses gesellschaftliche Konsequenzen ziehen und deutlich sagen, dass das Problem in unserer Gesellschaft Rassismus heißt, dann kann das immer wieder geschehen. Und das ist die erschreckende Bilanz dieses Ausschusses.“

Wie weiter mit dem Verfassungsschutz? Und schon ist es vorbei mit der Harmonie!

Im Bild laufen Petra Pau und Clemens Binninger einträchtig nebeneinander an einem Gebäude im Berliner Regierungsviertel vorbei. Die Erzählerin preist nochmals die Gemeinsamkeiten der beiden während der Ausschussarbeit, leitet aber bald zum Reizthema Verfassungsschutz über.

Und somit findet auch die harmonische Beziehung zwischen Petra Pau und Clemens Binninger unweigerlich ihr Ende.

Petra Pau zum Verfassungsschutz:

„Die Linke ist der Auffassung, dass der Verfassungsschutz als Nachrichtendienst aufzulösen ist. Dass eine unabhängige Politikberatungsbehörde entstehen soll, die auf wissenschaftlicher Grundlage arbeitet. Der 1. Schritt ist das Abschalten sämtlicher V-Leute. Das sind gekaufte Spitzel und Täter und bringen uns überhaupt nichts.“

Clemens Binninger zum Verfassungsschutz:

„Ja, weil, es abzuschaffen, wer das will – ich halte es für falsch, muss die Frage beantworten: ‚Wer macht dann die Aufgabe?‘ Wer macht dann die Vorfeldaufklärung? Wer erkennt, wann Strukturen entstehen? Soll es die Polizei sein? Ja, aber die hat ja sofort die Pflicht, einzuschreiten und Straftaten zu verfolgen. Will man ihr das dann überlassen? Das wäre eine ganz seltsame Entwicklung wo ich nur vor warnen kann.“

Ende gut alles gut? Die Verleihung des Gensch-Preises.

Im Bild die Verleihung des Gensch-Preises der deutsch-türkischen Gesellschaft für Hoffnung und Aussöhnung im Juni 2013. Der diesjährige Preisträger: Der Untersuchungsausschuss zur Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund des Deutschen Bundestages. Sie alle hätten gemeinsam für Aufklärung gekämpft und Vertrauen wieder hergestellt, so die Begründung zur Verleihung des renommierten Preises.

Eva Högl zur Preisverleihung:

„Wir können das erlittene Leid nicht wieder gut machen. Aber wir wollten einen Beitrag dazu leisten, dass die Opfer und die Angehörigen sagen: Es ist aufgearbeitet worden, wir leben hier gern in Deutschland und wir haben Vertrauen in unser politisches System.“

Auch Tülin Özüdoğru erhielt zusammen mit dem NSU-Untersuchungsausschuss den Gensch-Preis. Die Begründung des Preiskommittees: Weil Tülin trotz allem an Deutschland glaubt und nicht gegangen ist.“

Die letzte Szene:

Im Bild Tülin Özüdoğru auf dem Friedhof bei der Grabpflege ihres durch den NSU ermordeten Vater. Der Film endet mit einem Statement von Tülin: Nach meinem Vater will ich nicht auch noch meine Heimat verlieren.“

Der Sektionsbefund der Dokumentation „Staatsversagen“:

Unnötige Zeitverschwendung, kein Erkenntnisgewinn, gewagte, nicht hinterfragte Statements einiger Mitglieder des NSU-Untersuchungsausschusses, eine Verharmlosung des gesamten NSU-Skandals. 

Bundestag schafft sich ab.

Geht es nach dem Willen der Regierungskoalition und der SPD, werden Bundestagsdebatten in Zukunft den Charakter einer Showveranstaltung haben. Wie die Süddeutsche Zeitung am 14.04.12 berichtet, sollen die Regelungen zum Rederecht im Bundestag grundlegend geändert werden.

In Zukunft sollen nur noch Abgeordnete zu Wort kommen, die von ihrer Fraktion im Voraus bestimmt werden. Der Bundestagspräsident erhält vor der Sitzung eine Rednerliste inklusive festgelegter Reihenfolge der Redner. Dieses Prozedere ist in ähnlicher Form zwar heute schon gängige Praxis, räumt dem Bundestagspräsidenten aber noch wesentlich mehr Freiheiten ein.

Geht es nach den neuen Regelungen, dann hat sich der Bundestagspräsident sklavisch an die Rednerlisten zu halten. Die Fraktionen erhoffen sich so, dass abweichende Meinungen innerhalb der eigenen Reihen im Bundestag nicht mehr geäußert werden dürfen. Dass Abgeordnete einer Partei ihre von der offiziellen Linie abweichende Meinung im Bundestag vertreten, ist sowieso schon ein seltenes Ereignis. Die geplanten Neuerungen zum Rederecht sind nichts anderes als ein Maulkorberlass für Parlamentarier mit eigener Meinung. Der Maulkorb wird denkenden Abgeordneten aber nicht direkt verpasst, sondern indirekt – indem dem Bundestagspräsidenten Handschellen umgelegt werden. Der hat zwar noch die Möglichkeit von der Rednerliste abzuweichen, aber nur in sehr engen Grenzen.

Wird das Rederecht nach dem Willen von CDU, CSU, FDP und SPD so geregelt, verkommt die Bundestagsdebatte zu einer reinen Show. Man kann sich jetzt schon auf Sitzungen freuen, in denen Abgeordnete die Ansichten ihrer Fraktion immer wieder mantraartig wiederholen. Es schlägt die Stunde der Hinterbänkler, die ihre Rede stur vom komplett ausgearbeiteten Redemanuskript ablesen, gefolgt vom nächsten Hinterbänkler, der die gegensätzliche Ansicht seiner Partei vorliest. Unter einer „Debatte“ stelle ich mir etwas anderes vor.

Konsequent zu Ende gedacht wäre die Abschaffung der Bundestagsdebatten die logische Folgerung. Es reicht ein kurzer Vortrag aller Fraktionsvorsitzenden, ein Sitzungstag könnte so auf eine halbe Stunde reduziert werden.

Bleibt nur die Frage: Was soll das? Warum sollen Abgeordnete derart entmündigt werden?

Sind das schon die ersten Vorbereitungen für den Einzug der Piraten in den Bundestag? Oder hat die Kleinstpartei FDP etwa Angst vor Abweichlern in den eigenen Reihen?

Falls das Rederecht tatsächlich so beschnitten wird, dann verliert das Parlament erheblich an Glaubwürdigkeit. Wieder ein erfolgreicher Beitrag zur Steigerung der Politikverdrossenheit.

Dieses Vorhaben ist purer Unsinn. Bei einer Umsetzung gibt es nur Verlierer. Eine typische „lose-lose-situation“. Bravo Regierungskoalition, bravo SPD.

8. Akt: Social-Media-Experiment: Auftrag via @Telekom_hilft

Was bisher geschah: Bitte hier entlang zum Beginn und zum 1. Akt der Serie!

8. Akt

Social-Media-Experiment: Ein Auftrag via @Telekom_hilft.

Freitag, 16. März 2012, kurz nach dem Frühstück, im Allgäu

Gestern habe ich Stunden in Warteschleifen der Telekom zugebracht. Zwischen den Warteschleifen hatte ich Gelegenheit, den Rat mehrerer Kundenbetreuer zur Mitnahme einer E-Mail-Adresse einzuholen. Die Ratschläge fielen dabei zu meiner Überraschung extrem unterschiedlich aus. Von der Antwort „Unmöglich. Unwiderruflich.“ bis hin zu: „Überhaupt kein Problem.“ waren alle Antworten dabei, die sich ein normal-sterblicher und unwissender Telekom-Kunde nur vorstellen kann.

Rückblickend bin ich allerdings von jener Mitarbeiterin etwas enttäuscht, die ich gestern als Erste an der Telekom-Strippe hatte. Um das Gespräch zur Klärung des E-Mail-Problems wirklich abzurunden und mich als ständig rumnörgelnden Telekom-Kunden auf Linie zu trimmen, fehlten leider Sätze wie diese: „Wagen Sie es nicht, mich noch einmal zu unterbrechen,“ oder: „Ich habe recht, was wissen Sie schon, Sie unwürdiger Wurm?“ Die Anrede „Auf die Knie mit Ihnen, wenn Sie mich ansprechen.“ habe ich im Übrigen besonders vermisst.

Die anderen Mitarbeiter der diversen Telekom-Hotlines waren übrigens wesentlich angenehmere Zeitgenossen.

Der Tag beginnt mit dem üblichen Check des alten und des neuen T-Online-Kundencenters: Keine Veränderung am Tatbestand. Außerdem ist keine Rückmeldung von „XXXXX t-online.de“ eingegangen. Keine Empfangsbestätigung, keine E-Mail, und natürlich auch kein Rückruf. Keine guten Aussichten, um das Projekt „Umzug einer E-Mail-Adresse“  heute zu einem positiven Abschluss zu bringen.

8:46 Uhr

Noch einigermaßen gut gelaunt frage ich nochmals beim Team von „XXXXX t-online.de“ per E-Mail nach.

Guten Morgen,

ich möchte nochmals wegen der unten angehängten Mail von gestern (15.03.12) nachfragen. Ist die Sache in Bearbeitung. Oder wurde mir von der Hotline wieder mal eine falsche Auskunft gegeben?

Viele Grüße

Juergen Pohl

Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass ich auch diese Mail mit der Option „Empfangsbestätigung“ ausgestattet habe. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt, heißt es.

Die nächste Stunde verbringe ich mit Recherchen in einschlägigen Internet-Foren um mich in Sachen „E-Mail-Umzug“ auf den neuesten Stand zu bringen. Natürlich besuche ich auch das offizielle Forum von T-Online. Der Erkenntnisgewinn meiner Bemühungen ist jedoch minimal. Allerdings weiß ich nun, dass sich seit mehr als 10 Jahren hunderte Telekom-Kunden mit dem gleichen Problem konfrontiert sahen. Meine nicht repräsentative Analyse der Foren ergibt, dass die Erfolgsquote eine E-Mail-Adresse von einer Kundennummer auf eine andere zu übertragen, bei etwa 50 Prozent liegt. Eine eingehendere Auswertung meiner Recherche-Ergebnisse zeigt jedoch, dass sich die Erfolgsrate durch entschlossene Hartnäckigkeit und durch die Nutzung sämtlicher Kommunikationswege der Telekom signifikant steigern lässt.

10:14 Uhr

Mit diesen neuen Erkenntnissen gestärkt und mit der Gewissheit, dass Hartnäckigkeit auch bei der Telekom zum Ziel führen kann, rufe ich die Technik-Profis der Hotline “0800 330 2000″ an:

Wartemusik, Sprachcomputer, Wartemusik, dann die geschwurbelte Begrüßungsfloskel:

„… wie kann ich Ihnen helfen?“

Ich schildere kurz die Vorgeschichte und komme noch einigermaßen froh gestimmt zum Thema:

„Ihre Kollegin, die Frau XXXX hat mir gestern, also am 15. März,  geraten, eine Mail an „XXXXX t-online.de“ zu schicken. Sie sagte mir auch, dass ich mit einer Rückmeldung noch am gleichen Tag rechnen kann.“

„Tut mir leid, aber dafür bin ich nicht zuständig. Ich werde Sie mit der richtigen Abteilung verbinden, wenn das für Sie so in Ordnung ist.“

„Ja natürlich. Dann verbinden Sie mich bitte mit dieser Abteilung.“

„Bleiben Sie bitte in der Leitung, legen Sie nicht auf! Ich stelle Sie direkt durch.“

Wartemusik.

Immerhin werde ich ja direkt durchgestellt. Direkt!

Wartemusik.

Nach einer gewissen Zeit wird die Wartemusik wiederholt von netten Ansagen unterbrochen. Diese Ansagen informieren den Hilfesuchenden darüber, dass sich das vermutete Anliegen vielleicht auch im T-Online-Kundencenter lösen lässt.

Durch andere Ansagen erfährt der Kunde von den großen Innovationen der neuen T-Online-Entertainment Pakete. Als Kunde der Telekom könne man jetzt zeitversetzt fernsehen. Das kann ich auch. Unser etwa 7 Jahre alter SAT-Receiver mit Festplatte leistet nämlich hervorragende Dienste.

Wartemusik.

Eine weitere Ansage informiert mich, dass durch T-Online-Entertainment endlich auch HD-Fernsehen möglich wäre. Ich bin mir sehr sicher, dass HD-Fernsehen schon länger möglich ist. Aber eben über andere Anbieter. Außerdem feiert unser alter Fernseher mit Röhrentechnologie demnächst seinen 17. Geburtstag. Was, also soll ich mit diesen Informationen anfangen?

Wartemusik.

Inzwischen weiß ich nicht mehr, warum ich hier eigentlich anrufe. Ein Blick in mein E-Mail-Programm hilft meinem Gedächtnis wieder auf die Sprünge. Und zwar keine Sekunde zu früh.

Die Kundenbetreuerin von vorhin ist wieder in der Leitung:

„Geschwurbel … vielen Dank, dass Sie gewartet haben.“

„Kein Problem. Und was ist jetzt?“

„Ich habe leider niemanden erreichen können, der sich mit Ihrem Problem auskennt. Rufen Sie bitte in ein paar Minuten noch einmal an.“

„Aber…“

Die Kundenbetreuerin hat aufgelegt.

10:37 Uhr

Nach ein paar Minuten – genauer gesagt – nach 30 Sekunden – der nächste Anruf bei “0800 330 2000″:

Wartemusik, Sprachcomputer, Wartemusik, dann Begrüßungsgeschwurbel.

Ich erkläre die ganze Sache heute bereits zum zweiten Mal.

„Ich muss Sie leider an die zuständigen Kollegen durchstellen. Bleiben Sie bitte in der Leitung.“

„Danke. Ja, ich bleibe in der Leitung.“

Wartemusik.

Oh! Es kommt wieder eine dieser informativen Ansagen: „Das Entertainment-Comfort-Paket gibt es jetzt ganz besonders günstig. In den ersten 24 Monaten sparen sie jeden Monat 5 Euro.“ 

Interessant. Aber das habe ich doch erst vor ein paar Tagen gehört? Mir fällt der Herrscher der Vitrinen im sterilisierten Telekom-Laden wieder ein.

Wartemusik.

Eine andere Mitarbeiterin der Telekom-Technik-Hotline meldet sich:

„Schwurbel. Vielen Dank, dass Sie gewartet haben.“

„Kein Problem,“ knurre ich.

„Also, kommen wir gleich zur Sache!“

„Gute Idee! Und? Geht das mit der E-Mail-Adresse jetzt in Ordnung?“

Pause…

„Äh, ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht ganz genau um was es geht.“

„Hat Sie Ihre Kollegin nicht über den Sachverhalt informiert?“

„Nein.“

„Das bedeutet, ich muss Ihnen also alles noch einmal von Anfang an erklären.?

„Ja…, leider!

Seit 10:14 Uhr erkläre ich mein Anliegen jetzt zum dritten Mal. Ich merke, auch in solchen Fällen macht die Übung den Meister. Mein Vortrag ist jedesmal kürzer, ohne wesentliche Fakten zu unterschlagen. Auch die Sätze wirken geschliffener und erreichen langsam preiswürdige Kriterien. Die Kundenbetreuerin reißt mich aus meinen Träumen als zukünftiger Gewinner des nächsten Pulitzer-Preises:

„Das ist eine recht komplizierte Angelegenheit, eine E-Mail-Adresse von einer Kundennummer zu einer anderen zu übertragen.“

„Das mag ja sein. Es ist aber technisch möglich.“

„Sie hätten das aber beantragen müssen.“

„Deswegen mein Anruf. Wie ich Ihnen bereits sagte, habe ich gestern und heute eine E-Mail an „XXXXX t-online.de“ geschickt. Beide mit der Option „Empfangsbestätigung“. Bis jetzt habe ich weder eine Empfangsbestätigung, noch eine E-Mail oder einen Rückruf erhalten. Sie werden vielleicht verstehen, dass ich etwas verärgert bin.“

„Ja, Ihre Verärgerung kann ich gut verstehen.“

Aha! Frisch aus dem Seminar: „Wie gehe ich mit unzufriedenen Kunden um?“

Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass ab jetzt nur noch harte Fakten zählen, um sich mit den Psycho-Tricks der Seminare nicht abwimmeln zu lassen! Ich gebe mich also ab sofort als seriös, knallhart und unerbittlich aus.

„Bestätigen Sie mir bitte, dass die beiden Mails an „XXXXX t-online.de“ von denen ich eben gesprochen habe, bei Ihnen eingegangen sind.“

Hektisches Klicken einer unterbezahlten Telekom-Maus im Hintergrund.

„Es tut mir sehr leid. Aber das kann ich nicht.“

„Natürlich können Sie das. Sie brauchen mir den Erhalt nur kurz per E-Mail bestätigen.“

„Das ist nicht das Problem…“

„Sondern?“

„So wie ich das sehe, sind keine Mails von Ihnen im System.“

„Offenbar sind sie mit der Materie nicht vertraut genug. Holen Sie bitte Ihren Vorgesetzten oder Supervisor an die Leitung.“

„Jawohl…“

Hektisches Gemurmel im Hintergrund.

„Nur noch einen kleinen Augenblick, dann haben Sie einen kompetenten Gesprächspartner.“

„Danke..“

„Hier XXXX von der Telekom, ich bin hier der Teamleiter.“

„Ihre Kollegin hat Sie sicher bereits informiert?“

„Ja. Es geht um zwei Mails, die Sie uns angeblich geschickt haben.“

„Nicht angeblich.“

„Wenn Sie uns die Mails geschickt hätten, dann wären Sie auch hier im System. Guten Tag und auf Wiederhören!“ 

Der Teamleiter hat aufgelegt!

Jetzt nur nicht aufgeben! Deutlich angepisst angesäuert leite ich eine Strategie-Wende ein.

11:04 Uhr

Unmittelbar unter dem Eindruck des letzten Telefonats beginnt die geänderte Strategie:

Das nächste Telefonat wird nicht von der bequemen Sitzposition des heimischen Sofas geführt, sondern im Stehen, in gerader Haltung.

Wenn ich wüsste, wo sich meine einzige Krawatte befindet, die ich besitze, hätte ich mir diese jetzt umgebunden. Bei der Sache mit der Krawatte könnte es sich aber auch um ein weiteres Gerücht handeln.

Ich stelle mir vor, dass ich als Kreisvorsitzender der FDP beim FDP-Kreistag in Großburgwedel mit einer Rede den wenigen verbliebenen Mitgliedern klar machen muss, dass ein Wahlergebnis von 1,2 Prozent im Saarland keine Niederlage, sondern ein klares Signal an die Menschen ist.

„Wie genau lautet denn das Signal, verehrter Herr Kreisvorsitzender?

Wegen der überschaubaren Teilnehmerzahl lässt sich die auffallend knödelnde Stimme schnell orten. Es war ein hochgewachsener, etwas blasser Typ. Ist das nicht der gute Freund von diesem Maschmeyer? Wir befinden uns schließlich in Großburgwedel! Der wird doch nicht etwa von der CDU zur FDP übergelaufen sein? Also nicht der Maschmeyer, sondern der Typ mit der Knödel-Stimme. Derartige kritische Fragen aus dem Auditorium hätte es zu Guidos Zeiten jedenfalls nicht gegeben.

„Das Signal bedeutet eine wieder erstarkte FDP, die bei den nächsten anstehenden Wahlen auf einer Welle des Erfolgs wieder politische Verantwortung übernehmen wird. Und zwar an der Basis, in den Landkreisen, den Ländern und auf der Bundesebene. Hallelujah!“

Die Rede ist natürlich so angelegt, dass ein Widerspruch oder gar kritische Äußerungen der Kreistagsdelegierten von vornherein absolut ausgeschlossen sind. Die Zwischenfrage am Anfang war nur ein einmaliger Ausrutscher.

So weit zu den feuchten Träumen der gelackten, jugendlichen, teflonbeschichteten Sprechmaschinen, die eine erfolgreiche FDP durch Geschwurbel, ähnlich einem Voodoo-Priester wieder herbeizaubern wollen. Das beängstigende an diesen Teflon-Schwurblern ist: Sie glauben wirklich (!) an das, was sie sagen. Und sie tragen ihre Wahnvorstellungen mit einer unfassbaren Arroganz hinaus zum Wahlvolk.

Das folgende Telefonat mit der Hotline “0800 330 2000″ führe ich also im Stehen. Schließlich war ich auch mal Teilnehmer verschiedener Seminare.

Wartemusik. Sprachcomputer. Wartemusik. Begrüßungsgeschwurbel.

“ … kann ich ihnen helfen?“

Der vierte Vortrag zum gleichen Thema seit 10:14 Uhr.

Allerdings nicht höflich als Frage oder Bitte formuliert, sondern in einem rhetorischen Stil, der keinen Widerspruch zulässt.

So oder ähnlich hat sich übrigens damals der Kasernenkommandant oder „Spieß“ während des Morgenappells angehört, als er den Tagesbefehl ausgab. Ein Anlass für solche militärischen „Ansprachen“ konnten z.B. die immer schlampig geputzten Stiefel aller seinem Befehl unterstehenden Soldaten sein. Die Soldaten der anderen Kompanie hätten immer perfekt mit Bundeswehr-Schuhcreme einwandfrei geputzte Stiefel vorzuweisen. Und was die Pfeifen von der anderen Kompanie können, das können wir- die Elite-Truppe – schon lange. Um unserem Spieß eine Freude zu bereiten Um das freie Wochenende nicht zu gefährden, wurden die Stiefel bis zum nächsten Appell natürlich besonders gründlich und mit besonders viel BW-Schuhcreme geputzt.

Völlig unerwartet war das Thema Schuhcreme bei der nächsten Befehlsausgabe durch den „Spieß“  der Anlass für einen gewaltigen Anpfiff. Von Verschwendung von Steuermitteln, moralischer Verwerflichkeit und einer Gefährdung der Einsatzfähigkeit der Truppe – seiner Elite-Truppe – war da plötzlich die Rede. Rückblickend betrachtet, muss ich gestehen, dass unser maßloser Verbrauch von Schuhcreme den Mauerfall und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands beinahe verhindert hätte.

Um die fragile weltpolitische Lage nicht zu gefährden, verabschiede ich mich lieber von der Kasernenkommandanten-Rolle und entscheide mich für meinen ersten Plan. Dem Plan mit dem FDP-Kreisvorsitzenden, denn wegen der FDP kann sowieso nichts passieren. Auch nicht unabsichtlich.

Auch diese Mitarbeiterin der Hotline war offenbar erst vor kurzem auf einem Seminar zur Kundenbesänftigung.

„Oh, da haben Sie in dieser Angelegenheit ja schon einiges durchmachen müssen.“

„Ja. Bitte bestätigen Sie mir den Erhalt der beiden Mails.“

„Ich kann bestätigen, dass beide Mails eingetroffen sind.“

„Schön. Dann bestätigen Sie mir den Erhalt der Mails“

„Das habe ich ja eben.“

„Vielleicht habe ich mich unverständlich ausgedrückt, oder Sie wollen mich nicht verstehen. Ich bitte Sie hiermit, den Erhalt mit einer kurzen E-Mail schriftlich zu bestätigen.“

„Das geht nicht.“

„Natürlich geht das.“

„Nein. Es geht leider nicht. Ich kann von meinem Arbeitsplatz keine E-Mails verschicken.“

„Aber ich telefoniere im Moment mit der technischen Abteilung von T-Online?“

„Ja.“

„Und Sie erzählen mir gerade, dass Sie im Zentrum des größten Internetanbieters in Deutschland sitzen und keine E-Mails senden können?“

Die Mitarbeiterin der Hotline für technische Fragen der Telekom beendet das Gespräch wortlos und legt auf.

Um die FDP muss es wirklich extrem schlecht stehen…

Es ist inzwischen 11:47 Uhr, ich ringe um Fassung. Das bedeutet: Eine Brotzeit ist dringendst nötig.

Während der Brotzeitpause entscheide ich mich für das nächste unausweichliche Telefonat mit der technischen Hotline wieder in die Rolle des FDP-Kreisvorsitzenden zu schlüpfen.

Die instabile politische Lage in Syrien und vor allem die Spannungen zwischen Israel und Iran lassen die Rolle als Kasernenkommandant nicht zu. Ich will wegen einer E-Mail-Adresse keinen bewaffneten Konflikt auslösen, dessen Ausgang unabsehbare Folgen hätte.

12:04 Uhr

Ich wähle “0800 330 2000″ die Nummer der Telekom-Technik-Hotline:

Wartemusik.

Achtung! Der Sprachcomputer stellt ohne Vorwarnung meine Lieblingsfrage: „Möchten Sie zur Telekom wechseln?“

Natürlich will ich das! Gar keine Frage. Deshalb antworte ich besonders deutlich mit „Ja!“

Keine Wartemusik, sondern zweimal „knacks“ und schon ist eine Kundenbetreuerin in der Leitung und schwurbelt die Begrüßungsfloskel:

„…. ihnen helfen?“

Der fünfte Vortrag seit 10:14 Uhr zum gleichen Thema. Allerdings im Stil eines FDP-Kreisvorsitzenden.

Nach den ersten Sätzen habe ich den Eindruck, es in diesem Fall mit einer technisch kompetenten Mitarbeiterin zu tun zu haben.

„Ja, das stimmt. Ihre beiden Mails sind in unserem System angekommen.“

„Das ist ja erfreulich. Dann werden Sie bitte tätig und buchen die E-Mail-Adresse auf die neue Kundennummer.“

„Das geht leider nicht. Sie können das nicht per E-Mail veranlassen.“

„Ich handle auf Anweisung einer ihrer Kolleginnen. Die hat mir…“

„Mag ja sein, aber das geht so nicht.“

Die Kundenbetreuerin hat mich ganz einfach unterbrochen. Schließlich bin ich Kreisvorsitzender einer wichtigen noch vor kurzem hoch angesehenen, jetzt aber völlig bedeutungslosen, quasi nicht mehr existierenden Partei. Dass es der FDP so schlecht geht, hätte ich gar nicht gedacht. Ich hätte mich doch als Franz Josef Strauß ausgeben sollen.

„Dann sagen Sie mir, wie es geht.“

„Wie gesagt, per E-Mail geht das nicht. Sie können die Mitnahme der Adresse nur per Fax beantragen. Die Fax-Nummer lautet: 0800 …“

Dieses Mal bin ich derjenige, der das Wort an sich reißt. So, wie es beim FDP-Kreistag eben üblich ist.

„Ich befürchte, Sie befinden sich da nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Informieren Sie sich bitte vorher, bevor Sie mich hier falsch beraten.“

Arroganz! Ich hasse nichts so sehr wie Arroganz! Aber für einen FDP-Kreistagsvorsitzenden gehört Arroganz zum Tagesgeschäft. Und siehe da: Meine schauspielerischen Fähigkeiten verbessern sich. Die zur Schau gestellte Arroganz wirkt tatsächlich. Deswegen setze ich noch eins drauf:

„Also noch einmal: Ihre Kollegin von dieser Hotline, die Frau XXXX, hat mir ausdrücklich geraten, eine E-Mail an „XXXXXX t-online.de“ zu schicken. Wie Sie in Ihrem System sehen können, sind alle notwendigen Daten sowie die besonderen Gründe, welche die Mitnahme der Adresse nötig machen, ausführlich beschrieben.“

Schweigen. Im Hintergrund typische Bürogeräusche. Ganz deutlich sind hektische, beinahe verzweifelte Klickgeräusche, der sich im Dienst befindlichen Telekom-Mäuse zu hören. Vielleicht sollte hier mal der Tierschutzverein nach dem Rechten sehen..?

„Darf ich Sie noch um einen Moment Geduld bitten? Ich muss erst mit der zuständigen Abteilung Rücksprache halten. Bitte bleiben Sie in der Leitung. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

„Ja, machen Sie das und lassen Sie sich bitte gründlich informieren. Ich möchte nicht, dass Sie später nicht umfassend informiert sind.“

Ich hasse Arroganz. Beginne aber zu begreifen, dass Arroganz der Schlüssel zum Erfolg sein kann. Deswegen erscheinen immer mehr arrogante, mit Teflon gepanzerte, stromlinienförmige Personen auf der Bildfläche. Es beruhigt mich aber, dass Arroganz Erfolg und Macht nicht garantieren kann. Womit wir wieder bei der FDP wären.

Ich genieße etwa fünf Minuten Wartemusik. Zwischendurch erfahre ich, wie wunderbar doch dieses Entertainment-Paket ist. Man kann damit sogar Fernsehen. Zeitversetzt. Ein weiterer Grund, der für die Buchung ausschlaggebend wäre, will sich mir nicht erschließen. Und Fernsehen geht ja auch ohne Telekom. Und zwar seit Jahrzehnten.

„Vielen Dank, dass Sie so lange gewartet haben.“

„Wenn es zur Problemlösung diente, dann gerne.“

Der Arroganz-Modus ist wieder aktiviert!

„Sie haben tatsächlich Ihr Anliegen an die richtige Adresse übermittelt.“

„Sag ich ja. Es geht also doch per E-Mail! Ist der Auftrag in Bearbeitung?“

„Ja, es existiert jetzt auch eine Ticket-Nummer!“

Nur zum Verständnis: Eine „Ticket-Nummer“ ist ein Telekom-Interner Begriff, mit dem meist Störungsmeldungen eindeutig identifizierbar werden. Nach dem Eingang einer Störungsmeldung wird dem Kunden eine Ticket-Nummer mitgeteilt, auf die er sich in der weiteren Korrespondenz beziehen kann. Es ist eher ungewöhnlich für Aufträge, wie zur Mitnahme einer E-Mail-Adresse, ebenfalls eine Ticket-Nummer vergeben wird. Ganz besonders wichtig ist es, dass dem Kunden diese Nummer auch mitgeteilt wird, nur so ist eine vernünftige Kommunikation möglich.

„Das haben Sie gut gemacht. Da sind wir ja einen guten Schritt weiter gekommen.“

Zuckerbrot und Peitsche. Unverzichtbare Zutaten, um arrogant zu erscheinen.

„Vielen Dank für das Lob. Das erleben wir hier selten.“

Mich wundert es nicht, dass diese Mitarbeiter von Kunden selten gelobt werden. Das wird auch mein einziges Lob für diese Abteilung bleiben. Ganz sicher!

„Dann schicken Sie mir bitte noch die Eingangsbestätigung der beiden Mails zu!“

„Das geht aus technischen Gründen nicht…“

„Ich weiß. Sie sitzen zwar im Zentrum des größten Kommunikationsunternehmens, können aber keine Mails verschicken. Stimmt doch so, oder?

„… ja…“

„Dann teilen Sie mir bitte die Ticket-Nummer mit.“

„Das geht leider auch nicht.“

„Sie können mir die Nummer auch gleich jetzt am Telefon sagen.“

„Ich kenne die Ticket-Nummer leider nicht.“

„Wer kennt sie denn dann?“

„Die kennt nur die Kollegin, die den Auftrag bearbeitet.“

„Dann fragen Sie eben diese Kollegin! Himmel[zensiert]undzwirn!“

„Die kann ich nicht erreichen.“

„Das ist doch sicher die Kollegin, mit der Sie vorhin gesprochen haben?“

„Ja?“

„Dann können Sie die Dame ja doch erreichen.“

„Nein… Die Kollegen dieser speziellen Abteilungen haben nur eine zentrale Rufnummer. Und die Chance, genau die gleiche Kollegin…“

„Ich weiß: Die Chance diese Kollegin wieder ans Telefon zu bekommen ist gleich null.“

Arroganz hilft eben auch nicht in jeder Situation.

„Sie könnten mir aber den Eingang meiner Mails per Reply bestätigen.“

„Tut mir leid… „

„Können Sie sich wenigstens an die Ticket-Nummer erinnern? Haben Sie die vielleicht auf einem Zettel notiert?“

„Ich befürchte nein. Aber ich glaube, es wurde doch keine Ticket-Nummer vergeben.“

„Ach jetzt doch nicht?“

„Nein, ich glaube, die haben lediglich einen Kundenkontakt angelegt.“

„Der Kundenkontakt zu dieser Angelegenheit besteht seit 28. Februar!“

Die Kundenbetreuerin beendet das Gespräch. Aufgelegt. Wortlos.

Für heute habe ich genug von Gesprächen mit Mitarbeitern der Telekom-Technik-Hotline. Außerdem befürchte ich, dass sich meine schauspielerischen Bemühungen als arroganter FDP-Kreisvorsitzender negativ auf meinen nicht-arroganten Charakter auswirken könnten.

Über die Hotline ist kein Weiterkommen möglich, soviel ist jetzt klar. Ich greife zum rettenden Strohhalm: „Telekom_hilft“.

14:00 Uhr

Nach einem dreifachen Espresso zur Beruhigung verfasse ich eine Mail an „Telekom_hilft“. Nach 13 Minuten verschickt mein Mail-Programm folgende Mail:

Sehr geehrtes Team vom Kundenservice Social Media „Telekom_hilft @ Twitter“,

anbei zwei E-Mails die gestern und heute von mir an die Adresse „xxxxx t-online.de“ geschickt wurden. Den genauen Sachverhalt entnehmen Sie bitte dem untersten Text, der E-Mail vom 15.03.12

Da mir trotz telefonischer Zusage am 15.03. der Mitarbeiterin der Hotline „0800-3302000“ keinerlei Rückmeldung zuging, meldete ich mich heute morgen erst via E-Mail bei „xxxxx t-online.de“ und anschliessend nochmals bei der gleichen Hotline.

Nachdem ich mehrmals an verschiedene „Kundenbetreuer“ weiter vermittelt wurde und jedesmal die ganze Geschichte von vorne erklären musste, erhielt ich schließlich folgende Auskunft:

1. Ja, die unten angehängten E-Mails sind eingegangen. (Zuerst wurde der Eingang von verschiedenen Kundenbetreuern bestritten)

2. Der Auftrag kann nicht via E-Mail an „xxxxx t-online.de“ erteilt werden, sondern nur per Fax. Die Mitarbeiterin revidierte ihre Aussage, nachdem ich ihr erläuterte, dass ich von einer Kollegin der Hotline „0800-3302000“ dazu aufgefordert wurde, den Auftrag per E-Mail zu erteilen.

3. Nachdem die Mitarbeiterin mit der zuständigen Abteilung Rücksprache hielt (so ihre Aussage, nach einer Wartezeit von etwa 5 Minuten), bestätigte sie mir, dass der Auftrag in Bearbeitung sei. Eine „Ticket-Nummer“ zu diesem Vorgang existiere jetzt auch.

4. Den Auftragseingang kann sie mir nicht bestätigen, da dies technisch nicht möglich sei.

5. Auch die „Ticket-Nummer“ kann sie mir nicht sagen, da diese nur die Kollegin kennt, die den Auftrag bearbeitet.

6. Die Kollegin kann sie nicht anrufen, um die „Ticket-Nummer“ zu ermitteln. Es gebe nur eine interne zentrale Rufnummer und da melde sich immer jemand anderes.

7. Nach einer erneuten Bitte, mir doch wenigstens per Reply den Eingang der Mails zu bestätigen, erläuterte Sie mir noch einmal, dass sie nicht in der Lage ist, E-Mails zu verschicken.

8. Nach einer nochmaligen Nachfrage nach der „Ticket-Nummer“ erhielt ich plötzlich (etwa 2 Minuten nachdem dies im Gespräch von der Mitarbeiterin erstmals erwähnt wurde) die Auskunft, dass keine „Ticket-Nummer“ erstellt wurde, sondern lediglich ein Kundenkontakt.

9. Nach meinem Hinweis, dass der Kundenkontakt zumindest zu diesem Auftrag bereits seit Wochen besteht, legte die Mitarbeiterin wortlos auf.

Ich bitte um eine zügige Rückmeldung, vielen Dank.

Juergen Pohl

[Es folgen die beiden E-Mails an „xxxxx t-online.de“]

Auch diese Mail wird mit der Option „Empfangsbestätigung“ verschickt. Die Empfangsbestätigung trifft nach nur wenigen Sekunden bei mir ein. Es geht also doch. Alle meine Hoffnungen konzentrieren sich nun auf das Team von „Telekom_hilft“.

Es ist erst 14:15 Uhr. Wegen der vielen Ereignisse endet an dieser Stelle der 8.Akt.

Ende des 8. Aktes. Im nächsten Akt kommt das Team von “Telekom_hilft” in letzter Minute wieder ins Spiel und erweist sich als Retter in der Not. Es geht sogar so weit, dass  sich”Telekom_hilft” als strahlender Sieger in Sachen Kundenbetreuung erweist.

Zum 9. Akt bitte hier entlang!

Stay tuned…

Hinweis:

Alle Tweets sind als Grafiken in den Text eingefügt und absichtlich nicht mit Twitter verlinkt. Die Kürzel der Telekom-Mitarbeiter habe ich geschwärzt, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter möglich sind.

Fukushima, die Energiewende und die neuen Wendehälse

Was genau die schwarz-gelbe Koalition dazu bewogen hat, die Energiewende einzuleiten, wird ein ewiges Geheimnis bleiben. War es wirklich die Einsicht, dass Kernenergie nicht beherrschbar ist? Waren es die Eindrücke der Folgen nachdem dem japanischen Energiekonzern TEPCO das Atomkraftwerk Fukushima um die Ohren geflogen ist? Oder war es gar ein schnöder taktischer Schachzug von Merkel, die sehr schnell erkannt hat, dass der Atomausstieg viele Wählerstimmen bringt?

Völlig egal. Denn zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, nämlich ein paar Tage vor dem Jahrestag der Katastrophe in Fukushima, streicht schwarz-gelb die Förderung der Solarenergie zusammen. Die Energiegewinnung durch Photovoltaik-Anlagen verlief im letzten Jahr derart erfolgreich, dass selbst den größten Optimisten schwindlig wurde. War dieser Zeitpunkt Zufall, Dummheit oder Taktik um auszuloten, wie die Öffentlichkeit reagieren wird?

Erst vom Ausland belächelt, erntete Deutschland Respekt für den Erfolg der Energiewende. Wäre der bisherige Kurs weiter verfolgt worden, hätten alle deutschen Atomkraftwerke viel früher Kontakt mit der Abrissbirne gemacht als angenommen. Deutschland hätte zum absolut anerkannten Vorreiter im Bereich der erneuerbaren Energien avancieren können.

Und was passiert tatsächlich?

Wirtschaftsminister Rösler (FDP), der einer lediglich virtuell existierenden Partei vorsteht, dessen Persönlichkeit als Politiker nur noch aus Höflichkeit oder aus Mitleid im In- und Ausland wahrgenommen wird, würgt mit einem Federstrich eine der größten Chance für Deutschland, Europa und der gesamten Welt ab. Es betrifft eben auch die gesamte Weltbevölkerung, weil die technologischen Fortschritte nur durch eine konsequente, ehrliche Abkehr von Kernkraft und fossilen Brennstoffen in naher Zukunft die Energieversorgung weltweit hätte sicher stellen können. Deutschland wäre ein hervorragender Standort für die Erforschung und Entwicklung dieser grünen Technologien gewesen.

Aber Rösler ist nicht der alleinige Schuldige. Auch unser Bundesumweltminister Röttgen (CDU) hat bei diesem Deal kräftig mitgemischt. Für mich ist dafür die einzige Erklärung, dass Röttgen offenbar nicht weiß, dass er Bundesumweltminister ist. Wie sonst ist es zu verstehen, dass Röttgen umweltfreundlichen Technologien den Geldhahn zudreht und dies mit „wirtschaftlicher Vernunft und aus Rücksicht auf die Verbraucher, die die Förderung über ihre Stromrechnung bezahlen müssen“ erklärt.

Dass wir allerdings, ob als Stromverbraucher oder als Steuerzahler ebenfalls zur Kasse gebeten, um die strahlenden Hinterlassenschaften der Kernenergiebetreiber zu entsorgen, erwähnte Röttgen nicht. Vermutlich werden die höchsten Kosten der Kernenergie in Zukunft durch die Bewachung und Versorgung ausgedienter Kernkraftwerke, Brennelementen und sonstigen unglaublich gefährlich strahlenden, hochgiftigen Dingen anfallen. Im Vergleich dazu werden die Kosten für eine Endlagerung, falls eine solche jemals existieren sollte, ein reiner Klacks sein.

Natürlich haben Rösler und Röttgen nicht alleine gehandelt. Es gibt immer noch eine Bundeskanzlerin Merkel, die im Hintergrund die Strippen zieht. Es gibt aber auch Röslers virtuelle Partei, die verzweifelt versucht, sich aus ihrer momentanen Nicht-Existenz zu befreien und durch eben solche Deals auf die eine oder andere Wählerstimme hofft. 

Dieser FDP ist jedes, aber auch wirklch jedes Mittel recht, um an der Macht zu bleiben.

Die Wende der Energiewende steht jedenfalls unmittelbar bevor. Die Zeichen sind deutlich. Merkel agiert im Hintergrund, um den Ausstieg vom Atomausstieg vorzubereiten. Es fehlt lediglich nur noch der passende Anlass, um mit Hurra-Geschrei die Vorzüge der Kernenergie dem Wahlvolk wieder schmackhaft zu machen.