NSU: Ungeklärt und unbeachtet. – Die Mordvernehmung vor dem Mord.

Ich habe lange hin- und her überlegt, wie ich mit der Vernehmung der Zeugin Erdan O. umgehen soll. In allen Berichterstattungen der etablierten Medien taucht die Aussage der Zeugin entweder nicht auf, oder wird stark verkürzt wiedergegeben. Ein der tatsächlichen Aussage nur annähernd entsprechendes Protokoll habe ich auch nach tagelanger Recherche-Arbeit nicht finden können. Und das ist mit Sicherheit kein Zufall, denn die Vernehmung der Zeugin O. wirft Fragen auf, die den Mordfall Kiliç in ein ganz besonderes Licht rücken.

Die Zeugin Erdan O.

Erdan O. ist heute 74 Jahre alt, war als Diplom-Chemikerin berufstätig, sie spricht gutes Deutsch, mit einem leichten Akzent. Bei ihrer Vernehmung wirkte sie selbstbewusst und geistig hellwach. Das lässt den Schluss zu, dass Erdan O. sowohl während der ersten Vernehmung am Tattag als auch während der Vernehmung am 22. Prozesstag am 11. Juli 2013 sämtliche Fragen in vollem Umfang verstanden hat und auch genau wusste, welche Konsequenzen ihre Antworten haben müssen.

Der Schwiegersohn der Zeugin: Habil Kiliç

Erdan O. ist die Mutter von P. Kiliç, also die Schwiegermutter von Habil Kiliç. Habil Kiliç betrieb einen kleinen Frischeladen in der Bad-Schachener-Straße 14 im Münchner Osten. Kiliç wurde im Alter von nur 38 Jahren am 29. August 2001 zwischen 10:32 Uhr und 10:40 Uhr in seinem Laden regelrecht hingerichtet. Als dringend tatverdächtig gelten die Mitglieder des NSU Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Die Vernehmung von Frau O.

Die Vernehmung der Zeugin Erdan O. beginnt um 15:45 Uhr mit der üblichen Belehrung durch Richter Götzl, der auch mit der Befragung beginnt. Götzl beginnt mit einer eher allgemein gehaltenen Frage. Wie denn das Opfer so gelebt hätte, will er von Frau O. wissen. Am Tag vor dem Mord sei die Zeugin wie so oft im Laden von Habil Kiliç gewesen, um ihn zu besuchen. „Mutter, willst Du einen Kaffee mit mir trinken?“, hätte Kiliç sie an diesem Tag gefragt. Während der Kaffeepause hätte Kiliç einen gesunden Eindruck auf sie gemacht. Sie verließ den Laden nach kurzer Zeit mit der festen Überzeugung, dass mit dem Laden und Habil Kiliç alles in Ordnung gewesen sei.

Der ominöse Nachbar und die Bayerstraße

Am nächsten Tag hätten sich jedoch „Nachbarn“ am frühen Morgen bei ihr gemeldet, und gesagt, dass „irgendetwas mit Habil nicht in Ordnung“ sei. Und sie solle doch mal nachsehen. „Im Laden?“ hätte die Zeugin noch am Telefon nachgefragt. „Nein, kommen Sie in die Bayerstraße 34“, antwortete der Anrufer. Ob das eine Klinik ist, hätte Frau O. den Anrufer noch gefragt, der darauf wohl keine Antwort gab.

In der Bayerstraße: Keine Klinik, sondern die Mordermittlung.

Erdan O. machte sich also, wie ihr gesagt wurde auf den Weg in die Bayerstraße 34 in München. Dort fand sie keine Klinik vor, sondern offenbar eine Außenstelle des Polizeipräsidiums München, zuständig für Mordermittlungen. Gleich am Eingang wurde die Zeugin von der Polizeibeamtin V. in Empfang genommen. „Bringen Sie mich zu Habil“, hätte Frau O. zur Polizistin V. gesagt. V. hätte sie jedoch in einen Raum geführt und sofort mit der Vernehmung begonnen.

Habe vor dem Mord erfahren, dass Habil tot ist.

Götzl will wissen, ob die Zeugin mit der Beamtin V. zurechtgekommen wäre. „Ja, da gab es keine Probleme“, antwortet Frau O. Einige Zeit nach Beginn der Vernehmung hätte das Telefon von V. geklingelt. Danach habe Frau V. zu ihr gesagt: „Ihr Schwiegersohn ist gestorben. Die Organe sind aber gesund.“ „So habe ich lange vor dem Mord von Frau V. erfahren, dass Habil tot ist. Die Frau V. hat ununterbrochen mit mir geredet.“, so die Zeugin O. weiter.

Im Gerichtssaal sind plötzlich alle hellwach, Götzl führt unbeeindruckt mit der Befragung fort: „Wann sind Sie in der Bayerstraße 34 angekommen?“

Erdan O.: „Ungefähr um 9:00 Uhr“

Götzl: „Weswegen sind Sie dahin gegangen?“

Erdan O.: „Ich dachte es wäre irgendetwas mit dem Fuß, oder so. Der Nachbar hätte auch sagen können, dass ich in den Laden gehen soll. Er hat mich aber in die Bayerstraße geschickt.“

Götzl: „Sie sprechen vom Tattag?“

Erdan O.: „Ja.“

Götzl: „Was hat Frau V. zu Ihnen gesagt? Hat sie Sie empfangen?“

Erdan O.: „Bin mit Frau V. mitgegangen. Die erste Frage war: ‚Verstehen Sie sich mit Habil gut?'“

Götzl: „Wie lange hat die Befragung gedauert?“

Erdan O.: „Ungefähr 3,5 Stunden.“

Die ungeklärte Frage: 09:00 Uhr oder 13:30 Uhr?

Götzl zitiert das Vernehmungsprotokoll der Polizeibeamtin V.: „Gegen 13:30 erscheint Frau O. auf der Dienststelle.“

Erdan O.: „Stimmt nicht!“

Götzl ignoriert den Einwand der Zeugin O. und fährt mit einem weiteren Zitat des Vernehmungsprotokolls fort: „Frau O. wurde erklärt, dass Habil Kiliç durch Kopfschüsse getötet wurde. Nach kurzem Weinkrampf sagt sie aus.“

Erdan O.: „Quatsch!“

Götzl: „Nach allem, was wir wissen, hat Kiliç um 09:00 Uhr noch gelebt. Die Autopsie hat um 15:00 Uhr begonnen.“

Erdan O.: „Kann nicht sein. Ich weiß genau, dass ich am Vormittag in der Bayerstraße war.“

Götzl: „Haben Sie nicht gefragt, weshalb Sie vernommen wurden?“

Erdan O.: „Natürlich hab ich gefragt. Warum fragen Sie nicht die Frau V.? Warum bestellt mich ein Nachbar am frühen Morgen in die Bayerstraße?“

Auch die Zeugin O. erlebt Götzl als Chef der Veranstaltung.

Götzl wird zusehends ungehalten: „Sie sind hier, um meine Fragen zu beantworten, und nicht ich Ihre.“

Frau O. lässt sich durch Götzls Zurechtweisung nur kurz beeindrucken und antwortet tapfer weiter. Die folgende Antwort passt zwar nicht zu Götzls Frage, wird von ihm aber dennoch nicht beanstandet: „Mein Wunsch war ein Akademiker als Mann für meine Tochter. Die Ehe hat sich aber sehr gut entwickelt. Ich habe nie von Problemen gehört.“

Götzl will nun genaueres zum Arbeitsleben von Habil Kiliç wissen.

„War fleißig.“ So die knappe Antwort der Zeugin O.

Götzl: „Wie ist die Familie mit dem Tod von Kiliç zurechtgekommen?“

Die Presse: „Rauschgiftgeschäfte und Mörderfamilie“

Erdan O.: „Zuerst durften sie nicht in ihre Wohnung. Die Polizei hat die Wohnung mit schwarzem Pulver völlig verwüstet. Meine Tochter musste Miete für die Wohnung und den Laden bezahlen, obwohl beides von der Polizei abgesperrt wurde. Die Zeitungen haben uns fertig gemacht. Die haben von Rauschgiftgeschäften geschrieben. Meine Tochter fand keine neue Arbeit. Bei einer Bewerbung haben die ihr eine Zeitung auf den Tisch gelegt. Die Zeitung schrieb: ‚Das ist die Mörderfamilie'“.

Götzl: „Und wie ging es Ihrer Enkelin?“

Erdan O.: „Mein Partner und ich haben uns um sie gekümmert. Die Schule wollte sie rausschmeißen. Die Schulleitung hat gesagt: Wir haben Angst, dass jemand mit einem Maschinengewehr kommt und alle Schüler erschießt.“

Das seltsame Interesse an der Gesundheit der Witwe Kiliç

Götzl wechselt – wieder einmal – abrupt das Thema: „Musste Ihre Schwiegertochter behandelt werden?“

Erdan O. „Ja, immer noch.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie noch hinzu: „Es war vorher alles so perfekt.“ Dieser kurze Satz spiegelt die Ungerechtigkeiten, die falschen Verdächtigungen und die Verzweiflung der Hinterbliebenen von Habil Kiliç erschreckend eindrucksvoll wieder.

Richter Götzl lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und fragt ohne erkennbare Gemütsregung weiter: „Wie äußern sich die gesundheitlichen Beschwerden ihrer Tochter?“

Frau O. geht auf das Thema Gesundheit nicht ein und antwortet so geschickt, dass Götzl die Erwiderung nicht beanstanden kann: „Sie denkt, dass alle Menschen sie schlecht machen wollen. Sie ist jetzt sehr misstrauisch gegenüber anderen Menschen.“

Götzl lässt beim Thema Gesundheit – warum auch immer – nicht locker: „Muss sie Medikamente einnehmen, wenn ja welche?“

Wieder antwortet die Zeugin O. geschickt: „Ja, weiß aber nicht welche.“

Götzl merkt, dass er beim Thema Gesundheit nicht weiterkommt, und wechselt daher wieder das Thema: „Welche Folgen hatte der Mord für die Eltern von Habil Kiliç?“

Leichnam darf laut Polizei nicht in die Türkei.

Erdan O.: „Seine Mutter ist völlig fertig, sie lebt jetzt alleine. Wir wollten seine Leiche in die Türkei bringen. Die Polizei hat aber gesagt, das geht nicht.“ Frau O. macht eine kurze Pause und fährt mit deutlich erhöhter Lautstärke fort: „Warum hat die Polizei nur bei uns gesucht und nicht woanders?“

Götzl geht überraschenderweise nochmals auf die Vernehmung durch die Beamtin V. ein: „Frau O., wie ordnen Sie die Vernehmung ein? Kann es sein, dass Sie die Uhrzeiten verwechseln?

Erdan O.: „Nein. Ich bin von der Bayerstraße direkt in den Laden gefahren. Der war aber abgesperrt. Die Spurensicherung mit weißen Overalls war dort. Die Nachbarn haben mit der Presse geredet.“

Die Widersprüche des Vernehmungsprotokolls

Götzl zitiert nochmals aus dem Vernehmungsprotokoll: „Um 15:00 Uhr war keine Vernehmung mehr möglich.“

Erdan O.: „Die Zeit stimmt nicht!“

Götzl zitiert weiter: „Nachdem Frau O. der Mord bekannt gegeben wurde, brach sie in Tränen aus, wirkte dann aber wieder gefasst.“

Der Widerspruch der beiden Zitate ist überdeutlich. Zum einen wäre die Zeugin nicht mehr vernehmungsfähig gewesen, zum anderen wirkte sie gefasst.

Erdan O.: „Was interessieren mich die Organe, wenn Habil tot ist?“

Götzl zitiert unbeeindruckt weiter: „Zeugin konnte kaum auf Dienststelle gehalten werden.“

Der dritte Widerspruch aus den Zitaten des Vernehmungsprotokolls innerhalb von wenigen Sekunden!

Zeugin versucht ihre Aussage zu belegen. Gericht ist nicht daran interessiert.

Diesmal versucht Frau O. das Thema zu wechseln und versucht ihre Aussage, dass sie bereits kurz nach 09:00 Uhr zur Vernehmung bei der Beamtin V. zugegen war, zu untermauern: „Mein Lebensgefährte machte damals den Flugschein und ist an diesem Tag sehr früh nach Landshut zum Flugunterricht gefahren. Deswegen bin ich mir mit der Uhrzeit so sicher.“

Götzl ignoriert diese Aussage völlig und zitiert nochmals aus dem Vernehmungsprotokoll, das von der Polizeibeamtin V. angefertigt wurde: „Die Zeugin schrie wild und fuchtelte mit ihren Armen herum.“

Damit sind wir bereits beim vierten Widerspruch aus dem offiziellen Protokoll der Polizistin V.

„Das ist übertrieben.“ Mit dieser Antwort der Zeugin O. endet die Vernehmung um 15:20 Uhr.

Was waren an diesem Nachmittag im OLG München die Besonderheiten?

1. Die Aussage der Zeugin O., die mehrfach versicherte, dass sie von einem „Nachbarn“ am frühen Morgen des Tattags zur Polizei in der Bayerstraße 34 einbestellt wurde. Wer dieser Nachbar war, wurde während der Verhandlung nicht geklärt.

2. Die Diskrepanz zwischen der Aussage von Frau O., die immer wieder behauptete, um kurz nach 09:00 Uhr von der Polizeibeamtin V. empfangen worden zu sein, sich dabei definitiv nicht in Widersprüche verstrickte und der Zeitangabe im offiziellen Vernehmungsprotokoll der Polizistin V., nachdem sich Frau O. erst um 13:30 Uhr auf der Dienststelle einfand.

3. Warum gab es zu den verschiedenen Uhrzeiten keinerlei Nachfragen? Weder Nebenkläger, Verteidigung, Bundesanwaltschaft fühlten sich bemüßigt diese Ungereimtheit aufzuklären.

4. Die Aussage der Zeugin O. wirkte absolut glaubwürdig. Warum sollte Frau O. auf ihre Darstellung, dass sie mindestens 1,5 Stunden vor dem Mord an Habil Kiliç bereits zu Kiliç vernommen wurde, bestehen?

5. Man kann es drehen und wenden wie man will: Entweder Frau O. hat bei ihrer Vernehmung hemmungslos gelogen, oder das Vernehmungsprotokoll der Beamtin V. spiegelt nicht den wahren Sachverhalt wieder. Eine Vereidigung der Zeugin O. und eine Aussage der Vernehmungsbeamtin V. – ebenfalls unter Eid – hätte eventuell den Sachverhalt aufklären können.

Wenn dies nicht geklärt wird, wirft die Aussage der Zeugin O. ein schlechtes Licht auf die Mordermittler im Münchner Mordfall Kiliç. Und zwar ein ganz schlechtes Licht.

Verschwörungstheoretiker, zu denen ich mich ausdrücklich nicht zähle, könnten Folgendes behaupten: Die Münchner Mordkommission verfügte bereits eine lange Zeit vor der Hinrichtung von Habil Kiliç über Informationen, dass Kiliç ermordet werden soll. Und zwar inklusive Tattag und Tatzeit.

Diese Verschwörungstheorie wird solange Bestand haben, bis die Sache Erdan O. und dem Zeitpunkt ihrer Vernehmung durch die Polizistin V. nicht aufgeklärt ist.

An einen Wahrheitsgehalt dieser Theorie möchte ich gar nicht denken, aber es fällt mir verdammt schwer, dies nicht zu tun.

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5. Akt: Social-Media-Experiment: Auftrag via @Telekom_hilft

Was bisher geschah: Bitte hier entlang zum Beginn und zum 1. Akt der Serie!

5. Akt

Social-Media-Experiment: Ein Auftrag via @Telekom_hilft.

Dienstag, 06. März 2012, kurz nach dem Frühstück, wieder zurück im Allgäu.

Ich bin zur Untätigkeit in Sachen Telekom verdammt. Die Installation des Internetzugangs hat sich unwiderruflich um 13 Tage verschoben.

Nachträglich muss ich an dieser Stelle noch unbedingt die Mitarbeiterin der Telekom-Hotline, mit der ich gestern (nachzulesen im 4.Akt) verhandelt habe, lobend erwähnen.

Sie konnte mir bereits die neuen Telefonnummern mitteilen, die ab 13. März aktiviert werden. Aber es kommt sogar noch besser:

Zum Abschluss des Telefonats verriet mir die Dame nämlich unaufgefordert ihren Namen. Und zwar inklusive Vornamen! Außerdem teilte mir sie sogar den Ort ihrer Dienststelle mit, damit ich sie auch persönlich erreichen kann, falls noch Fragen zu klären sind. So etwas habe ich während ungezählter Telefonate mit der Telekom in Jahrzehnten noch nie erlebt.

Zurück auf dem heimischen, gemütlichen Sofa starte ich mein Notebook, um die E-Mails und die Tweets der letzten Tage zur Sachlage nochmals nachzulesen. Schließlich habe ich die gesamte schriftliche Korrespondenz über mein kürzlich erstandenes Smartphone erledigt. Nebenbei bemerkt: So ein Gerät ist überaus praktisch und eigentlich lebensnotwendig.

Als nächstes überprüfe ich den alten Telefonanschluss, der angeblich seit dem 01. März gekündigt ist. Wie überraschend: Weiterhin problemlos erreichbar.

Misstrauisch, wie ich nun mal bin, erfolgt der nächste Check: Mit den alten Zugangsdaten meiner Tante kann ich problemlos die kompletten Daten des Kundencenters einsehen. Ich habe Zugriff auf sämtliche Rechnungen, auf alle jemals erteilten Aufträge und auf das E-Mail-Adressbuch. Nur die E-Mails sind nicht aufrufbar. Keine einzige. Ich bekomme eine fürchterliche Vorahnung auf die Dinge, die noch kommen sollen. Und ich habe mich nicht getäuscht. Soviel sei zu diesem Zeitpunkt schon mal verraten.

Da die gesamte Korrespondenz inzwischen einen doch erheblichen Umfang erreicht hat, bin ich den ganzen Vormittag damit beschäftigt, alles zu lesen. Im übrigen möchte ich noch anmerken, dass ich zu dieser Zeit Urlaub habe. Nur damit niemand auf falsche Gedanken kommt…

Jedenfalls steigert die Lektüre der vielen E-Mails und Tweets meine Laune nicht. Im Gegenteil: Je länger ich lese, desto verärgerter bin ich. Die Situation gleicht den Zuständen, die ich bereits vor Urzeiten mit der Telekom erlebt habe, wie ein Ei dem anderen.

Der Kunde fühlt sich verarscht veräppelt, nicht ernst genommen und muß einsehen, dass er der allmächtigen Telekom gegenüber nicht den Hauch einer Chance hat.

Ich erinnere mich, dass es ebenfalls seit Urzeiten nicht möglich ist, sich genau den Telekom-Mitarbeiter vorzuknöpfen, der einen falsch beraten hat und damit einen Auftrag versemmelt hat. Die Chance, genau eben diesen Mitarbeiter an der Hotline zu erwischen, ist gleich null. Da nützt es auch nichts, wenn man im Besitz des entsprechenden Namens ist.

Mitarbeiter der Telekom-Hotline erzählen in solchen Fällen immer wieder, dass sie aus technischen Gründen Gespräche nicht an vom Kunden gewünschte Kundenbetreuer durchstellen können. Ob das so stimmt, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Ich habe es persönlich erlebt, dass mein Wunsch, mich mit dem Kundenbetreuer mit dem ich erst vor 10 Minuten gesprochen habe, zu verbinden abgelehnt wurde. Als Begründung wurde mir unverblümt mitgeteilt, dass dies zwar technisch möglich ist, weil dieser Kundenbetreuer sich zufällig im gleichen Büro befindet. Jedoch wird einem derartigen Kundenwunsch aus prinzipiellen Gründen nicht entsprochen. Diese Begebenheit liegt zwar etwa zwei oder drei Jahre zurück, scheint aber heute noch so oder ähnlich gängige Praxis zu sein.

Willkommen zurück im letzten Jahrhundert bei der Deutschen Bundespost!

Jetzt aber wieder in die Gegenwart, dem Zeitalter des Web 2.0. Social-Media hat sich als effektiver, blitzschneller neuer Kommunikationsweg in allen Bereichen der Gesellschaft durchgesetzt.

Unter den oben beschriebenen Eindrücken poste ich um 13:19 Uhr in einem verständlichen Anflug von Verärgerung folgenden Text öffentlich bei Twitter:

Mit einer Antwort von „@Telekom_hilft“ habe ich nach diesen chaotischen Ereignissen nicht gerechnet. Trotzdem erreicht mich exakt 31 Minuten später – ebenfalls öffentlich – dieser Tweet. Allerdings empfinde ich in diesem Fall den Inhalt als eine Unverschämtheit:

Der vorerst letzte Tweet in dieser grotesken Angelegenheit erreicht „@Telekom_hilft“ genau 5 Minuten später:

Ich beschließe, mich bis zum Installationstermin am 13. März nicht mehr mit der Angelegenheit zu befassen. Auch bei „@Telekom_hilft“ herrscht ab jetzt für eine längere Zeit wieder Funkstille.

Donnerstag, 08. März 2012, später Vormittag im Allgäu.

Seit über einem Tag kein Lebenszeichen der Telekom. Dafür ein Anruf aus der wohlbekannten Kleinstadt in Oberfranken: Dort ist offenbar ein riesiger Stapel Briefe angekommen. Alle sind von der Telekom.

Aha, die Sache läuft offenbar tatsächlich. Meine Laune steigert sich wieder deutlich. Auf eine Kontaktaufnahme mit der Telekom verzichte ich bewusst, um den Lauf der Dinge nicht zu behindern.

Der alte Telefonanschluss ist nicht mehr erreichbar. Es geht voran. Das Kundencenter des alten, gekündigten Zugangs ist weiter komplett einsehbar. Nur die E-Mails verweigern sich weiterhin meinem Zugriff. Meine böse Vorahnung nimmt konkretere Formen an.

Am Abend lausche ich andächtig dem Vuvuzela-Konzert, mit dem Ex-Bundespräsident Wulff endgültig aus dem Schloss Bellevue gejagt würdig verabschiedet wird.

Freitag, 09. März 2012, kurz nach dem Frühstück im Allgäu.

Der Tag beginnt mit eindeutigen Anzeichen einer Erkältung. Weiterhin keine E-Mails, Tweets oder gar Anrufe von der Telekom.

Wieder ein Anruf aus Oberfranken: Mit einer nicht zu überhörenden Verunsicherung berichtet meine Mutter über unglaublich viele Pakete, die gerade eingetroffen sind. Wieder stammt alles von der Telekom. Ob das denn so seine Richtigkeit hätte, will sie wissen. Ich überzeuge sie, dass alles so läuft wie es soll. Mutter und Tante sind beruhigt. Ich nicht. Unglaublich viele Pakete? Eigentlich dürften nicht mehr als drei Pakete angekommen sein. Was ist da los?

Ich verzichte weiterhin auf jegliche Kontaktaufnahme mit der Telekom. Jetzt nur nichts durcheinander bringen!

In Sachen E-Mails hat sich nichts geändert. Die Geschichte mit der Mitnahme der E-Mail-Adresse wird böse enden, da bin ich mir jetzt sicher.

Freitag, 09. März 2012, kurz nach dem Mittagessen im Allgäu.

Eine schwere Erkältung hat mich dahin gerafft. Das Fieber steigt unaufhaltsam. Ich bezweifle ernsthaft, dass ich den 13. März, den alles entscheidenden Tag der Installation des Internetzugangs, noch erleben werde. Ich entscheide mich, dieses Blog zu eröffnen, damit spätere Generationen von den dramatischen Ereignissen erfahren.

Zum Kundencenter und den E-Mails erübrigt sich jeder Kommentar.

Sonntag, 11. März 2012 kurz nach dem Frühstück im Allgäu.

Heute ist Jahrestag der Katastrophe in Fukushima. Als überzeugter Gegner der Kernenergie beschließe ich spontan, die Anti-AKW Demo in Gundremmingen zu besuchen. Das AKW Gundremmingen befindet sich übrigens beängstigend nah an meinem Wohnort. Meine Ehefrau zückt das neue High-Tech-Fieberthermometer:

Aktuelle Körperkerntemperatur: 39,4°C. Eine Kernschmelze ist nicht sicher auszuschliessen. Es besteht aber keine Gefahr für die Bevölkerung! Ich wiederhole: Es besteht keine…

Als ich nochmals die Demo in Gundremmingen anspreche, erklärt mich meine Frau für verrückt und verbannt mich ins Bett. mir meine Frau, dass Bettruhe doch vernünftiger wäre.

Den Rest dieses Tages befinde ich mich im Fieber-Koma. Auch am Montag, den 12.März falle ich immer wieder in durch Fieber induzierte komatöse Zustände.

Angeblich habe ich im Fieber-Koma immer wieder das Wort „Telekom“ gelallt. Sagt jedenfalls meine Frau. Aber das ist sicher nur ein Gerücht…

Ende des 5. Aktes. Im nächsten Akt kommt es zum Showdown.

Zum 6. Akt bitte hier entlang!

Hinweis:

Alle Tweets sind als Grafiken in den Text eingefügt und absichtlich nicht mit Twitter verlinkt. Die Kürzel der Telekom-Mitarbeiter habe ich geschwärzt, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter möglich sind.