4. Tag NSU-Prozess: Die zwei Versionen der „129er-Liste“, Zschäpe und Götzl

Eingang OLG München
Eingang OLG München – Foto: J. Pohl

In den letzten Minuten des vorerst letzten Verhandlungstages am 16. Mai 2013 im NSU-Prozess ging im allgemeinen juristischen Antragsgeplänkel beinahe ein interessantes Detail unter: Die zwei Versionen der „129er-Liste“.

RA Anja Sturm
Zschäpe-Verteidigerin RA Anja Sturm – Foto: J. Pohl

Antrag: Ablösung von Diemer und Greger
Am Tag zuvor, am 15. Mai machten die Zschäpe-Verteidiger dem Vorsitzenden Richter Götzl einen Vorschlag: Götzl sollte den Generalbundesanwalt Harald Range bitten, den Bundesanwalt Herbert Diemer und die Oberstaatsanwältin Anette Greger für den weiteren Prozess abzulösen. Nach Auffassung der Zschäpe-Verteidigung würden Diemer und Greger ihrer Mandantin gegenüber voreingenommen auftreten und stellten somit deren Neutralität infrage.

Am Vormittag des Verhandlungstages am 16. Mai stellte Diemer klar, dass das Gesetz die Ablösung der Bundesanwälte nicht vorsehe.

Antrag: Einsicht in Akten des NSU-Ausschuss
Ebenfalls am Vormittag hatte die Nebenklage Akteneinsicht in Unterlagen des NSU-Ausschusses beantragt. Unter anderem bezog sich der Antrag auf Einsicht in eine Liste mit 129 mutmaßlichen Unterstützern des NSU-Netzwerkes. Unter Insidern und Prozessteilnehmern wird diese Liste „129er-Liste“ genannt.

Die „129er-Liste“
Ende März 2013 wurde öffentlich, dass der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags eine geheime Liste erhielt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und das BKA hatten diese Liste für den internen Gebrauch im Oktober 2012 erstellt. Auf dem Geheimdokument sind angeblich 129 Personen, die zum engeren und weiteren Umfeld des NSU zählen, verzeichnet.

Trotzdem stuft die Bundesanwaltschaft die „129er-Liste“ als nicht relevant ein. Eine Anwältin der Nebenklage äußert darüber ihr Unverständnis.

Diemer wiederum kann das Unverständnis der Nebenklage nicht nachvollziehen. Auch die Kritik, dass die 129 mutmaßlichen Unterstützer und Helfer nicht angeklagt wurden, weist Diemer folgendermaßen zurück:

„Sie haben mit diesem Verfahren nichts zu tun,“ so Bundesanwalt Diemer. „Es gebe aber nach wie vor weitere Ermittlungen.“
Quelle: tagesschau.de – Stand: 16.05.2013 um 12:20 Uhr.

Noch bevor es zu weiteren Verhandlungen wie zur Abtrennung des Verfahrens zum Bombenanschlag 2004 in der Keupstraße in Köln kommt, ruft Richter Götzl überraschend früh zur Mittagspause bis 13:30 Uhr auf.

Opfer-Anwalt RA Thomas Bliwier
Opfer-Anwalt RA Thomas Bliwier – Foto: J. Pohl

Während der Mittagspause erklärt der Anwalt der Nebenklage Scharmer in einem Interview zur „129er-Liste“ dem Bayerischen Rundfunk:

„Wir wüssten gerne, wer das ist. – Das müssen wir klären.“

Quelle: Bayerischer Rundfunk +++ Liveblog vom vierten Tag zum Nachlesen +++ Ernst Eisenbichler (BR) 16 Mai 2013 um 12:31 Uhr

Ähnlich äußert sich der Anwalt der Opferfamilie Yozgat Thomas Bliwier gegenüber dem Bayerischen Rundfunk:

„Unser Anliegen ist ganz klar auch die Aufarbeitung der Hintergründe dieser Mordtaten und der Entstehung des NSU.“

Quelle: Bayerischer Rundfunk +++ Liveblog vom vierten Tag zum Nachlesen +++ Salvan Joachim (BR) 16 Mai 2013 um 12:57 Uhr.

Eingang NSU-Verfahren
Eingang NSU-Verfahren – Foto: J. Pohl

Freundliche Sicherheitsbeamte – in München!
Um 13:00 Uhr lasse ich die Sicherheitskontrollen beim Betreten des Gerichts über mich ergehen. Foto-Ausrüstung röntgen, Ausweiskontrolle, ausgiebige Leibesvisitation, alle „gefährlichen“ Gegenstände abgeben. Prinzipiell läuft alles wie bei einem Flug in die USA ab. Mit einem Unterschied: Alle, wirklich alle, die bei der Einlasskontrolle mitwirken sind ausgesprochen freundlich und höflich. Für Münchner Verhältnisse sogar unglaublich freundlich.

Gisela Friedrichsen
Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen für „Spiegel“ – Foto: J. Pohl

Die Mittagspause ist bis 13:30 Uhr angesetzt, bereits um 13:15 Uhr ist die Besucher- und Pressetribüne bis auf den letzten Platz gefüllt. Einige Besucher hoffen vergeblich auf Einlass.

Die berühmt-berüchtigte Pressetribüne
Die Sitzordnung auf der Tribüne ist im Hinblick auf das weltweite Medienecho zum dilettantischen Akkreditierungsverfahren für Journalisten und der anschliessenden Auslosung der festen Sitzplätze im Vorfeld des Prozesses ausgesprochen unspektakulär.

Von der Richterbank gesehen sitzen die akkreditierten Prozessbeobachter der Presse auf der linken Seite. Alle anderen dürfen auf der rechten Seite Platz nehmen. Eine Abtrennung der beiden Bereiche gibt es nicht, lediglich zwei Hinweisschilder informieren, wer wo seinen Sitzplatz einzunehmen hat.

Frank Bräutigam
ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam – Foto: J.Pohl

Während der Verhandlungspausen findet gerne ein reger Platztausch statt, je nachdem welche Journalisten welchen Blick auf die Prozessbeteiligten bevorzugen. Vom Pressebereich blickt man in Richtung der Angeklagten, vom Besucherbereich auf die Ankläger der Bundesanwaltschaft. Die Anwälte der Nebenklage sowie die Angehörigen der Opfer sind von der Tribüne während der Verhandlung kaum zu sehen. Sie sitzen direkt unter der Tribüne.

Während einer Verhandlungspause kann man sich weitgehend frei auf der Tribüne bewegen und so einen kurzen Blick auf die Nebenklage erhaschen. Nur wenn man sich allzu weit über das Geländer der Tribüne beugt, schreiten die uniformierten Beamten ein und bitten freundlich darum, doch etwas Abstand zum Geländer einzuhalten. Insgesamt herrscht auf der Tribüne eine entspannte, aber professionelle Atmosphäre. Da kann es gut passieren, dass prominente Journalisten bei ihrem neuen (nicht prominenten) Sitznachbarn nachfragen, ob er diese oder jene Aussage genau so interpretiert wie er/sie selbst. Während der Pausen beantworten die

Ali Mercimek
Ali Mercimek für „Hürriyet“ – Foto: J. Pohl

altgedienten Profis unter den Prozessbeobachtern auch mal geduldig Fragen von „normalen“ Besuchern.

Die Akteure im Gerichtssaal sind – bis auf den Strafsenat – pünktlich um 13:30 Uhr vollzählig anwesend.

Die letzten Minuten vor der Pfingstpause
Kurz vor 13:45 Uhr betritt auch der Vorsitzende Richter Götzl den Verhandlungssaal und führt – nachdem sich die Prozessteilnehmer, die Pressevertreter und die restlichen Zuhörer wieder setzen dürfen – die Verhandlung ohne Umschweife fort.

Ein Antrag nach dem anderen…
In hohem Tempo schmettert Götzl die zuvor gestellten Anträge ab:

Berichtigung: Richter Götzl beginnt mit Ablehnung seiner eigenen Idee, ein eigenes Verfahren zum Bombenanschlag in der Keupstraße in Köln zu eröffnen. (Mit Dank an @das_ZOB für den Hinweis!)

Nein, es wird kein weiteres von diesem Prozess abgetrenntes Verfahren geben. Die Aufarbeitung des Nagelbombenattentats 2004 in der Kölner Keupstraße mit 22 Verletzten wird unter der Leitung Götzls hier in diesem Gerichtssaal fortgesetzt.

Und nochmals ein „Nein“. Der Antrag, den Prozess aufzuzeichnen, ist abgelehnt. Götzl betont dabei ausdrücklich, dass damit auch wortgetreue Aufzeichnungen „jeglicher Art“ – also auch eine „Verschriftlichung“ des Prozessverlaufs – für das weitere Verfahren nicht zugelassen sind.

Somit sind auch die Stenografinnen und Stenografen des Deutschen Bundestages aus dem Rennen. Die Antragssteller begründeten oben genannten Punkt mit dem Hinweis, dass „der stenografische Dienst des Deutschen Bundestages per se als vertrauenswürdig und kompetent anzusehen wäre“.

Götzl begründet die Ablehnung der wortgetreuen Aufzeichnung der Verhandlung mit der daraus resultierenden möglicherweise erhöhten psychischen Belastung von Zeugen während der Vernehmung im Gerichtssaal. Dadurch könnte möglicherweise die Wahrheitsfindung gefährdet werden, so das Gericht weiter.

Nahtlos und ohne weitere Überleitung der nächste abgelehnte Antrag: Die Verteidigung werde vom Gericht keine Erlaubnis zur Einsicht in bestehende Spurenakten erhalten. Falls Interesse besteht, kann die Einsichtnahme beim Generalbundesanwalt beantragt und gegebenenfalls vorgenommen werden.

RA Wolfgang Heer
Zschäpe-Verteidiger RA Wolfgang Heer – Foto: J. Pohl

Zschäpe-Verteidigung unzufrieden und beantragt eine Pause nach der Mittagspause
13:50 Uhr: Die Zschäpe-Verteidigung beanstandet diese Entscheidung und beantragt 15 Minuten Pause um sich beraten zu können. Richter Götzl genehmigt eine Verhandlungspause bis 14:05 Uhr.

Während der Pause ist genügend Zeit, sich gründlich im Verhandlungssaal umzusehen. Sowohl im Gerichtssaal als auch auf der Presse- und Besuchertribüne herrscht eine eher lockere Stimmung. Auch unter den Mitangeklagten scheint eine gewisse Gelassenheit vorzuherrschen.

Die ganz andere Version der Beate Zschäpe
Ganz anders sieht das jedoch bei der Hauptangeklagten Beate Zschäpe aus: Sie sitzt alleine auf der Anklagebank, ihre drei Verteidiger haben den Saal zur Beratung verlassen. Vor Zschäpe steht ein Laptop, sie klappt ihn immer wieder auf und zu. Dann starrt sie minutenlang auf den Bildschirm, klickt planlos mal hier und mal da. Sie vermeidet jeden Blick zu den Anwälten der Nebenklage, der Bundesanwaltschaft oder zu den anderen Angeklagten. Sie entspricht in keiner Weise dem Bild, dass die Medien seit dem ersten Prozesstag aufgebaut haben. Ganz im Gegenteil: Sie strahlt Unruhe aus, wirkt nervös. Kurz gesagt: Sie hat Angst. Von Arroganz oder Abgebrühtheit keine Spur.

Um 14.05 Uhr treffen die ersten Prozessteilnehmer wieder im Saal ein. Um 14:10 Uhr sind alle wieder anwesend und Götzl führt die Verhandlung fort.

Die Zschäpe-Verteidigung besteht weiterhin auf die Beibringung von Beweismaterial und Ladung von Zeugen aus dem NSU-Ausschuss.

Götzl lehnt auch dies ab: Die Zeugen hätten bereits beim NSU-Ausschuss ausgesagt. Eine erneute Vernehmung wird abgelehnt.

Die „129-Liste“ wird zugelassen. Aber welche Version?
In einem Nebensatz, der mit deutlich geringerer Lautstärke vorgetragen wird, verkündet das Gericht, dass dies nicht auf die „129er-Liste“ zutrifft. Diese werde von der Bundesanwaltschaft zur Verfügung gestellt.

Es schließen sich weitere Wortmeldungen der Verteidigung an, die die Neutralität des Bundesanwalts Diemer infrage stellen.

Um 14:16 meldet sich RA Thomas Bliwier, Anwalt der Nebenklage zu Wort: „Wir sollten endlich mit dem Verfahren beginnen. Wenn die Verteidigung nicht in der Lage ist, alte Akten anzufordern ist das kein Grund für eine Vertagung.“

Bliwier vertritt die Angehörigen von Halit Yozgat, der 2006 in seinem Internetcafe in Kassel durch zwei gezielte Pistolenschüsse ermordet wurde. Er war zum Tatzeitpunkt 21 Jahre alt. Besonders dieser Mord hat viele Fragen zur Rolle von V-Männern und dem Verfassungsschutz aufgeworfen, die bis heute nicht abschliessend geklärt sind.

Die andere Version des Richter Götzl
Götzl nimmt die Zügel wieder in die Hand. „Es ist vorgesehen heute zu Ende zu kommen,“ so beginnt er die nächste Verhandlungsrunde. Und erntet damit Lacher, das auf groteske Weise irgendwie befreiend wirkt. Nur die Verteidigung lächelt eher etwas gequält. Dass Götzl damit nicht den Prozess gemeint hat, dürfte jedem klar sein.

Hat man die bisherige Berichterstattung über den Verlauf der Verhandlung verfolgt, so scheint mir eines sicher: Vorausgesetzt, die mediale Berichterstattung spiegelt die Stimmung und Abläufe der letzten Prozesstage korrekt wieder, dann scheinen spätestens am 4. Prozesstag grundlegend andere Verhältnisse im Gerichtssaal zu herrschen. Der Anfangs viel gescholtene Vorsitzende Richter Götzl ist jetzt uneingeschränkt der Chef im Ring. Die anfangs angeblich so selbstsichere Beate Zschäpe hat sich zu einer eingeschüchterten, verängstigten Angeklagten gewandelt. Auch das Verhältnis zwischen Zschäpe und ihren drei Pflichtverteidigern scheint sich deutlich abgekühlt zu haben. Ungebrochen scheint jedoch das beinahe kumpelhafte Verhältnis zwischen Ralf Wohlleben und seiner Verteidigerin Nicole Schneiders zu sein.

Wer sagt aus und wer nicht?
Richter Götzl will wieder das Tempo steigern. Um 14:18 Uhr die Frage an die Zschäpe-Verteidiger: „Wird Frau Zschäpe Angaben machen?“ Beate Zschäpe schüttelt fast unmerklich den Kopf – in Richtung ihres Anwalts. Dieser beantwortet Götzls Frage kurz und knapp: „Ist nicht beabsichtigt.“

Wohlleben-Verteidigung RA Nicole Schneiders
Wohlleben-Verteidigung RA Nicole Schneiders – Foto: J. Pohl

Zwei Mitangeklagte beabsichtigen, eine Erklärung abzugeben. Ralf Wohlleben will jedoch weiter schweigen. Seine Verteidigerin Nicole Schneiders kündigt allerdings eine Erklärung an.

14:21: Frage an den Angeklagten Holger G.: „Herr G. werden Sie Fragen beantworten?“ Verteidigung: „Auf diese Frage antworten wir nicht.“

Jedoch nicken sowohl Holger G. und Carsten S. nach Götzls Frage mit dem Kopf, und zwar in Richtung des vorstzenden Richters. Die beiden Angeklagten befinden sich derzeit in einem Zeugenschutzprogramm. Holger G. scheint demnächst die Rolle des Kronzeugen zu übernehmen. Er wird verdächtigt, das NSU-Trio als Waffenkurier und Ausweisbeschaffer unterstützt zu haben.

Die Diskussion um die zwei Versionen der „129er_Liste“ beginnt.
Weitgehend unbemerkt von den Prozessbeobachtern, aber offenbar auch von den Akteuren im Verhandlungssaal, entwickelt sich ein Streit zwischen einigen Prozessbeteiligten, welche Version der „129er-Liste“ denn nun vorgelegt werden soll. Diese „Diskussion“ läuft parallel zu weiteren Anträgen zur Sitzordnung und der Aufforderung von Richter Götzl an die Prozessbeteiligten „wäre gut, wenn Sie sich den 4. Juni bitte freihalten könnten.“

Scheinbar existiert von der „129er-Liste“ eine Version für die Bundesanwaltschaft und eine für das Bundeskriminalamt. Welche der beiden Versionen dem NSU-Untersuchungsausschuss zugespielt wurde, ist (mir) nicht bekannt. Während sich im Verhandlungssaal eine gewisse Aufbruchstimmung breit macht, ist man sich unter den Diskutanten immer noch nicht einig, welche Version „geeigneter für den Prozess“ wäre.

Um 14:25 beendet Richter Götzl die Verhandlung, die „129er“ – Diskussion läuft weiter. Die Wortführer befinden sich eindeutig direkt unter der Besuchertribüne und sind so für alle Beobachter „unsichtbar“.

14:27: Zschäpe verlässt den Saal. Die Diskussion ist immer noch nicht beendet.

Um 14:29 verlässt auch Wohlleben den Saal nachdem er einige Scherze mit seiner Verteidigerin Schneiders gemacht hatte.

Die Diskussion um die „129er-Liste“ ist auch beendet.

Ende der Diskussion: Beide Versionen müssen her.
Mehrere Prozessbeobachter bestätigen, dass die Nachfrage von Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm bezüglich der zwei Versionen der „129er“ von Diemer folgendermaßen beantwortet wurde: „Beide „129er-Listen“ werden an das Gericht übersandt und sollen den Verfahrensbeteiligten ausgehändigt werden.“

Auch während der anschließenden Pressekonferenz der Bundesanwaltschaft verkündet Diemer bzw. Greger offenbar, das beide Versionen der „129er-Liste“ dem Gericht zur Verfügung gestellt werden.

Oberstaatsanwältin Anette Greger: „Es gibt zwei 129er-Listen. Beide stammen vom Bundeskriminalamt (BKA). Es ist aber nach unserer Auffassung nicht so, dass es 129 Unterstützer oder einen entsprechenden Anfangsverdacht gegen sie geben würde. Diese Listen enthalten abgeklärte Personen. Für uns sind sie lediglich mögliche Kontaktpersonen. Wir haben neun weitere Ermittlungsverfahren gegen Personen, gegen die ein Anfangsverdacht besteht. Die Listen enthalten Kontaktpersonen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos aus Mitte der 90er-Jahre. Dass es zwei Varianten der 129er-Liste gibt, erklärt sich dadurch, dass eine davon BKA-Kommentare enthält.“

Quelle: Bayerischer Rundfunk +++ Liveblog vom vierten Tag zum Nachlesen +++ Ernst Eisenbichler (BR) 16 Mai 2013 um 15:01 Uhr

4. Akt: Social-Media-Experiment: Auftrag via @Telekom_hilft

Was bisher geschah: Bitte hier entlang zum Beginn und zum 1. Akt der Serie!

4. Akt

Social-Media-Experiment: Ein Auftrag via @Telekom_hilft.

Montag, 05. März 2012, in einer oberfränkischen Kleinstadt, die heute Vormittag von Horst Seehofer besucht wurde, 12:30 Uhr:

Die Zeit verstreicht unaufhaltsam. Es stellt sich bei mir ein panikartiges Gefühl ein. Es hilft alles nichts: Ich muss spätestens heute Abend wieder zurück ins Allgäu fahren. Ich greife deshalb zum äußersten Mittel: Der Anruf bei der Telekom-Hotline.

Die Zeit in der Warteschleife ist erstaunlich kurz, in etwa der Dauer entsprechend, um einen Espresso und eine Zigarette zu geniessen. Auch der Sprachcomputer der Hotline macht keine Schwierigkeiten und schon spreche ich mit einem echten Telekom-Kundenbetreuer.

Mein Anliegen trage ich in kurzen, leicht verständlichen Sätzen vor. Mein Gesprächspartner erscheint mir kompetent. Er fragt an den richtigen Stellen nach, er wiederholt sogar den höchst komplizierten Sachverhalt in Kurzform. „Nur damit keine Missverständnisse entstehen,“ sagt er. Ich wittere Hoffnung.

Meine Hoffnung wird jedoch etwa 5 Sekunden später nach einem seltsamen „Klack“, das im gesamten Haus zu hören ist, zunichte gemacht. Mein kompetenter Gesprächspartner ist verstummt, offenbar kann er mich auch nicht mehr hören. Scheinbar ist wie so oft die Verbindung zur Telekom-Hotline wieder mal unterbrochen worden.

Aber: Das Politik-Geschwurbel der 743. Sondersendung zur Affäre Wulff im Fernsehen ist ebenfalls verstummt. Und das Licht geht auch nicht mehr. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Elektriker mit einem Schraubenzieher über den Flur huschen. Die Telekom ist dieses mal unschuldig, die Elektriker sind von der Mittagspause zurück.

„Welches [zensiert] hat gerade den Strom abgeschaltet?“, brülle ich in voller Lautstärke durch das Haus.

Zum Verständnis an die Leser, die mich nicht persönlich kennen: Ich bin ein ruhiger Zeitgenosse. Das letzte Mal, als meine Stimme derart laut zu hören war, dürfte bei einer Demo gegen die WAA in Wackersdorf gewesen sein. Als Demonstrant stand ich damals unter einem Bombardement von Tränengasgranaten und Wasserwerfern der Polizei. Damals war übrigens Franz Josef Strauß als König von Bayern der Oberbefehlshaber der bayerischen Kavallerie. Er residierte in einem Märchenschloss in München. Ministerpräsident in Bayern.

Von Mutter und Tante ernte ich erschrockene Blicke und Kopfschütteln. Vom Elektriker ein kurzes Achselzucken.

„Geht gleich wieder.“, sagt der Elektriker unbeeindruckt.

„Wann genau?“

„In ungefähr einer Stunde.“

Ich gebe auf und ziehe mich zu einem Mittagsschläfchen zurück.

Etwa 30 Minuten später:

Der Strom ist wieder da. Der Elektriker hat mir bei allem was im heilig ist geschworen, dass es heute keinen Stromausfall mehr geben wird.

Der 2. Versuch dieses Tages mein Problem via Telekom-Hotline zu lösen beginnt:

Der Sprachcomputer ist in bewährter Art und Weise besiegt. Es folgt Wartemusik. Im Fernsehen wieder Politik-Geschwurbel. Weiterhin Wartemusik.

Die Verbindung bricht wieder ab.

Geschwurbel im Hintergrund und eine brennende Lampe überzeugen mich, dass der Elektriker unschuldig ist.

Der 3. Versuch an der Hotline. Ich beschließe dem Sprachcomputer bei diesem Anruf mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich beantworte alle Fragen wahrheitsgemäß und genehmige natürlich – wie immer – die Aufzeichnung des Gesprächs um die „Servicequalität zu verbessern“.

Plötzlich eine überraschende und völlig unsinnige Frage des Sprachcomputers:

„Möchten Sie zur Telekom wechseln?“

Anhand der computergesteuerten Befragung sollte eigentlich klar sein, dass ich bereits Kunde der Telekom bin. Ich beantworte die Frage trotzdem mit „ja“.

Daraufhin passiert etwas völlig unerwartetes: Keine Wartemusik. Sondern lediglich ein kurzer Knacks in der Telefonleitung und nach wenigen Sekunden (!) spreche ich mit einer Kundenbetreuerin der Telekom. Schau mal einer an….

Die Akquise von neuen Kunden scheint der Telekom doch erheblich wichtiger zu sein, als die Betreuung von aufmüpfigen Bestandskunden. Und ich glaube, das ist dieses mal kein Gerücht.

Wozu die Befragung des Sprachcomputers überhaupt gut sein soll, ist mir sowieso schon immer ein Rätsel. Das intensive Verhör durch den diensthabenden Sprachcomputer ist ein unvermeidlicher Bestandteil jedes Anrufs bei der Telekom-Hotline. Trotzdem wußten die Mitarbeiter der Hotline niemals, ob es um eine Frage zu einer Rechnung, um eine Störung oder um eine technische Frage ging.

Ich wundere mich deswegen überhaupt nicht, dass die Dame von der Hotline keinen blassen Schimmer davon hat, dass sie mit jemandem telefoniert, der sich vermeintlich für einen Wechsel zur Telekom interessiert. Mit anderen Worten: Sie hat zu Beginn des Gesprächs überhaupt keine Ahnung, warum ich eigentlich anrufe. Aber dieses Phänomen erlebt der Telekom-Kunde bei jedem Anruf der Hotline. Und das ist ebenfalls kein Gerücht.

Also alles noch einmal von vorne: Wieder erörtere ich die Sachlage in kurzen, verständlichen Sätzen. Ich teile der Mitarbeiterin natürlich auch die nötigen Daten (vor allem die Kundennummmern) mit. Auch diese Mitarbeiterin scheint kompetent zu sein, sie hat die entscheidenden Details verstanden. Um der Dame behilflich zu sein und um das Gespräch auf das wesentliche Problen zu lenken, gebe ich ihr folgenden Ratschlag:

“Sie können den bisherigen Stand des Auftrags gerne in der bisherigen Korrespondenz zwischen mir und “@telekom_hilft” nachlesen. Das wäre für unser Gespräch sicher hilfreich. Es existiert da seit dem 28. Februar eine intensive Kommunikation via E-Mail und dem Twitter-Account.”

“Tut mir leid, aber ich habe keinen Zugriff auf Ihre Mails.”

„Warum eigentlich nicht“

„Es gehen bei uns täglich tausende Mails ein. Wie soll ich da Ihre Mails finden?“

„Ich könnte ihnen beispielsweise sagen, was im Betreff der Mails steht. Die Betreffzeile des E-Mail Verkehrs ist seit Anfang an unverändert.“

„Nein, Sie verstehen mich nicht ganz. Wir haben keinen Zugriff auf Mails von „Telekom_hilft“

“Wie bitte? Und mit wem habe ich die ganze Zeit kommuniziert?”

“Mit dem Team von “Telekom_hilft.” Die haben aber mit der Auftragsbearbeitung und mit uns hier nichts zu tun.”

“Ist eigentlich der Auftrag überhaupt in Bearbeitung?”

“Sicher nicht. Es liegt für die betroffenen Anschlüsse kein Auftrag vor.”

Man reiche mir eine scharfe Waffe oder ein furchtbares Folterinstrument!

“… und jetzt? Was machen wir jetzt?”

“Ich nehme den Auftrag offiziell auf und dann werden wir tätig.”

“Ist der alte Anschluss meiner Tante in XXXXX eigentlich gekündigt?

“Wie gesagt, es liegen für beide Anschlüsse keine Aufträge vor.”

“Dann wäre der Umzug des Internetanschlusses wohl die bessere Wahl?”

“Das macht keinen Unterschied.”

“Die bestehende E-Mail-Adresse muss aber unbedingt erhalten bleiben.”

“Das geht bei Umzug und Kündigung.”

“Sicher..?”

“Ganz sicher. Sie können das entweder über die Hotline oder direkt im Kundencenter beauftragen.”

Ich gebe der Dame von der Hotline also offiziell den Auftrag, schnellstmöglich tätig zu werden. Mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass ein Umzug des Internetzugangs einer Kündigung zu bevorzugen ist.

“Können Sie mir sagen, bis wann ich mit der Erledigung rechnen kann?”

Mittlerweile bin ich auf jede Schreckensnachricht gefasst

“Moment… Am 13. März kann ich Ihnen den Techniker schicken.”

Ich habe es geahnt.

“Gehts nicht früher? Ich meine, ich habe den Auftrag ja bereits am 28. Februar erteilt.”

“Nein, leider nicht. Früher ist kein Techniker verfügbar.”

“Sagen Sie mir doch noch bitte, für was dieses “Telekom_hilft” eigentlich gut ist?”

Schweigen…

“Also, wie gesagt, wir haben mit denen ja gar nichts zu tun.. Für was die eigentlich zuständig sind, weiss keiner so genau….”

“Vielen Dank…”

Fassungslosigkeit. So war der Kundenservice der Telekom schon immer.

Immerhin konnte ich mit der Telekom-Mitarbeiterin aushandeln, dass der Techniker alles zu installieren hat. Der Auftrag beihaltet eine komplette Installatien des Internetzugangs, inklusive der Konfiguration des WLAN-Routers und des Notebooks.

Etwa 5 Minuten nach dem Ende des Telefonats erreicht mich eine DM von “@Telekom_hilft” via Twitter, die meine Fassungslosigkeit nochmals signifikant steigert:

2 Stunden später erfolgt durch diese E-Mail von „Telekom_hilft“ die perfekte Krönung der Situation, die nun endgültig ins absolute Chaos abgleitet:

Hallo Jürgen,

sorry, dass ich mich jetzt erst melde.

Die Kündigung für den Anschluss von Frau XXXXX wurde bereits am 1. März 2012 ausgeführt.

Der Anschluss für Frau XXXXX wird am 13. März 2012 auf den Tarif Call & Surf Comfort/ Universal umgestellt. Nachträglich wird dann die Rufnummer in den neuen Tarif integriert.

Bei weiteren Fragen bin ich gerne für Sie da.

Mit freundlichen Grüßen

XXXXXX

Kundenservice Social Media

Telekom_hilft @ Twitter

Dem aufmerksamen Leser wird sicher nicht entgangen sein, dass der oben genannte Anschluss natürlich nicht gekündigt wurde. Und schon gar nicht am 01.März 2012. Mein sofortiger Kontrollanruf ergibt, dass sich der angeblich vor 5 Tagen gekündigte Anschluss bester Gesundheit erfreut und problemlos erreichbar ist.

Den neuen Sachverhalt kann ich Mutter und Tante einigermaßen schonend beibringen. Die Enttäuschung der beiden ist jedoch unübersehbar. Auf eine weitere Kommunikation mit  “@Telekom_hilft” verzichte ich ab sofort.

Ich informiere die beiden ausführlich, um was es beim Termin am 13. März geht. Mit aller Autorität, die man bei einem Gespräch mit Mutter und Tante nur aufbringen kann, gebe ich Anweisungen, die sich später noch als extrem sinnvoll erweisen. Unter anderem schärfe ich den beiden ein, dass der Techniker im Haus keine Leitungen zu verlegen hat. Es geht schließlich um ein WLAN-Netzwerk. Im Übrigen besitzen beide schnurlose Telefone. Außerdem weise ich beide an, den Telekom-Techniker nicht eher gehen zu lassen, bevor sie sich nicht persönlich davon überzeugt haben, dass alle Telefone funktionieren und man mit dem Notebook im Internet surfen kann.

Als Abschluss die Anweisung, mich sofort telefonisch zu verständigen, falls der Techniker irgendwelche Dinge macht, die den beiden seltsam vorkommen und die ich nicht angesprochen habe.

Nach mehrfacher und eindringlicher Wiederholung meiner Anweisungen begebe ich mich am Abend unverrichteter Dinge wieder quer durch Bayern auf die Heimfahrt ins Allgäu.

Horst Seehofer befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin, um bei einem Treffen der Regierungskoalition die Welt zu retten und ausgiebig Geschwurbel abzusondern.

Ende des 4. Aktes. Im nächsten Akt vergrößert sich das Chaos.

Zum 5. Akt bitte hier entlang!

Hinweis:

Alle Tweets sind als Grafiken in den Text eingefügt und absichtlich nicht mit Twitter verlinkt. Die Kürzel der Telekom-Mitarbeiter habe ich geschwärzt, damit keine Rückschlüsse auf einzelne Mitarbeiter möglich sind.