Prozesstag 91 und 92 im NSU-Prozess: Einblicke in die Arbeit des Verfassungsschutzes.

– Anmerkung: Ausführliche Wortprotokolle folgen demnächst! –

Am 91. und 92. Prozesstag im NSU-Prozess waren langjährige Verfassungsschützer aus dem in Wiesbaden ansässigen hessischen Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) geladen. Ihre Dienststelle: Eine Außenstelle des LfV Hessen in Kassel.

Das Gericht hatte die vier Verfassungsschützer aufgrund eines Beweisantrags von RA Kienzle vorgeladen. Neben Andreas Temme, der sich bei seiner vierten Vorladung im OLG München bereits wie zu Hause fühlen müsste, waren zwei ehemalige ArbeitskollegInnen sowie der inzwischen pensionierte Leiter der Filiale Kassel des Verfassungsschutzes geladen.

Alle Vorladungen hatten – wie immer – den Zweck herauszufinden, inwieweit der Ex-Verfassungsschützer und Ex-V-Mann Führer Temme in den Mord an Halit Yozgat am 06.April 2006 verwickelt ist.

Frau E.

Am 91. Prozesstag sagte Temmes Kollegin Frau E. aus. Der ebenfalls vorgeladene Verfassungsschützer Herr F. konnte wegen Erkrankung der Vorladung unglücklicherweise nicht nachkommen. Das ist insofern schade, weil gerade dieser Kollege Erhellendes zu einem höchst brisanten Telefonat mit Andreas Temme beitragen könnte.

Die Verfassungsschützerin Frau E., heute 58 Jahre alt, öffnete während ihrer Einvernahme einen Blick hinter die Kulissen des Verfassungsschutzes. Ihre Aussage lies eine unglaubliche Naivität und Weltfremdheit erkennen, die kaum in Worte zu fassen sind. Vielleicht hatte sie ihre Aussage aber absichtlich so aufgebaut, um von den Geheimnissen des im geheimen agierenden Verfassungsschutz abzulenken?

Jedenfalls hat Frau E. offenbar einen pfiffigen Kollegen, der ihr zur Vorbereitung auf ihre Vernehmung meine Wortprotokolle der bisherigen Vernehmung von Temme ausgedruckt hat. In Sachen Internet schien Frau E. jedenfalls nicht wirklich bewandert zu sein. Im Laufe ihrer Vernehmung sagte Frau E. sinngemäß: „Man müsste wegen Recherchen im Internet ja auch mal so ein Internetcafe besuchen. Das ist aber eher was für den Andreas (Temme) gewesen. Ich kenne mich da ja nicht so aus.“ Die Folgerung aufgrund dieser Aussage: Entweder besaß die Außenstelle Kassel im Jahre 2006 (!) tatsächlich keinen Internetanschluss, oder Frau E. wusste davon nichts. Beide Möglichkeiten sind leider denkbar. Dass sich Frau E. die Wortprotokolle ausdrucken lies, lässt nur einen Schluss zu: Auch heute hat die Verfassungsschützerin keinen blassen Schimmer von Online-Recherchen.

Herr Irrgang

Einen Tag später, am 92. Verhandlungstag ist Lutz Irrgang mit seiner Aussage an der Reihe. Er war 2006 Leiter der Außenstelle Kassel des hessischen Verfassungsschutzes. Heute ist er pensioniert.

Die  Befragung Irrgangs durch Richter Götzl gibt einen weiteren Einblick in die Arbeit des Verfassungsschutz Hessen im Jahr 2006: Eine Behörde, die sich durch verkrustete Hierarchien und Dienstvorschriften überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Lutz Irrgang ist aufgrund seiner ganzen Erscheinung, seinem Aussageverhalten und seiner bedingungslosen Obrigkeitshörigkeit der Prototyp eines deutschen Beamten im gehobenen Dienst. Leider keine Karikatur, sondern bittere Realität.

Irrgang ist sehr darauf bedacht, zwischen dienstlich und nicht-dienstlich zu unterscheiden. „Am Samstag habe ich dann das Amt besetzt!“ Diesen Satz, den Irrgang im Laufe seiner Vernehmung wörtlich so gesagt hat, zeigt eindrücklich, dass es unter seiner Leitung eine absolute Besonderheit war, am Wochenende dienstliche Dinge „im Amt“ zu erledigen. Dass Irrgang an einem Samstag sein Büro aufsuchte, weil er kurz vorher erfahren hat, dass Andreas Temme – einer seiner Untergebenen – unter dringendem Mordverdacht steht, ist in seinem Weltbild schon eher nebensächlich.

Zum Abschluss seiner Vernehmung bedankt sich Irrgang für die „angenehme Atmosphäre“ hier im Gericht. Prozessbeteiligte, Beobachter und Presse rätseln bis heute, ob diese Bemerkung Irrgangs ironisch gemeint war.

Das Wortprotokoll zur 4. Vernehmung von Andreas Temme erscheint demnächst!

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