Das Vernichtungslager in meiner Nachbarschaft. Oder: Der braune Sumpf ist mitten unter uns! (Update!)

Nur ein paar Kilometer von meinem Wohnort entfernt war in den letzten Kriegsjahren des 2. Weltkriegs ein Vernichtungslager unter Regie der SS in Betrieb. Kaum jemand kennt es, viele wollen nichts wissen. Und überhaupt: Man möge die Geschichte doch endlich ruhen lassen, so die hiesigen Einheimischen der älteren Generation.

Arbeitssklaven für Hitlers Rüstungsindustrie

Die „Häftlinge“ dieses Lagers wurden als Arbeitssklaven für einen nahe gelegenen Rüstungsbetrieb eingesetzt. In dieser Fabrik wurden gigantische Mengen Sprengstoff und mehrere Millionen Zünder für den Bombenkrieg hergestellt.

Detailaufnahme von einem der vielen Gebäude der Munitionsfabrik
Detailaufnahme von einem der vielen Gebäude der Munitionsfabrik

Die Größe dieser Munitionsfabrik hatte die Ausmaße einer durchschnittlichen Kleinstadt – inklusive der nötigen Infrastruktur. Vom Heizkraftwerk bis zum Bahnhof war alles da, was die nationalsozialistischen Bombenbauer brauchten.

Ein weiteres Gebäude der Munitionsfabrik
Ein weiteres Gebäude der Munitionsfabrik

Nach dem Krieg wurden die Gebäude von amerikanischen Truppen gesprengt. Einige Werkshallen waren jedoch so stabil gebaut, dass sich selbst die besten Sprengkünstler aus den USA buchstäblich die Zähne ausbissen. Diese Gebäude stehen heute noch mitten in der Stadt. Auf den restlichen Trümmern entstand in Rekordzeit eine komplette neue Kleinstadt. Dieser Umstand ist weltweit bekannt und gilt – politisch korrekt – als Erfolgsgeschichte.

Vernichtungslager? Hier? Unmöglich!

Wäre da nur nicht dieses unsägliche Vernichtungslager, das heute keiner mehr kennen will, von dem noch nie jemand etwas gehört haben will. Und wenn es dieses Lager gegeben hätte, dann müsste ja irgendjemand etwas davon wissen. Und außerdem: Es müssten doch noch irgendwo Überreste des Lagers zu sehen sein.

Aufgrund der akribischen Buchführung der SS lässt sich belegen, dass während weniger Monate (länger existierte das Lager nicht) mehrere Tausend Häftlinge durch das Lager geschleust wurden. Schon das sei ein „Beweis“ – sagt der Einheimische – dass die „Gerüchte“ um dieses Lager nicht wahr sein können. Denn: Niemand hat in der Gegend zu dieser Zeit größere Häftlingstransporte gesehen. Weder Verlegungen zu Fuß, noch per LKW kann es gegeben haben, denn so etwas wäre ja sicher aufgefallen. Und einen Bahnhof hat es in der Nähe dieses Lagers sowieso niemals gegeben, so der Einheimische.

Was der Einheimische unter „größeren“ Häftlingstransporten versteht, bleibt unklar. Sind damit Transporte von 20 oder 100 oder gar 1.000 Menschen gemeint? Ganz unrecht hat er aber trotzdem nicht, der Einheimische: Er hat vermutlich wirklich nicht auffallend viele Menschen gesehen, die unter Bewachung durch die hiesigen Wälder und Wiesen getrieben wurden. Auch Lkw-Konvois mit denen Menschen zu diesem Lager transportiert wurden hat er wahrscheinlich wirklich nicht gesehen.

Wie aber sollen so viele Menschen hierher transportiert worden sein? Ist das Lager doch nur ein Gerücht, dem jegliche Grundlage fehlt?

Der Bahnhof, der jetzt verschwunden ist.

Die Lösung ist ganz einfach: Nur wenige hundert Meter vom Eingang des Lagers gab es einen Bahnhof. Jawohl: Es gab einen Bahnhof mit allem drum und dran. Natürlich auch mit Gleisanschluss. Das Gleis führte in östlicher Richtung an den KZ-Außenlagern in Kaufering bei Landsberg am Lech vorbei, bis zum KZ Dachau. Reste der Gleisanlagen in der Nähe des Lagers in meiner Nachbarschaft sind heute noch relativ leicht zu finden.

Bahnlinie: KZ Kaufering – KZ Dachau – KZ Auschwitz

Auf dem Gebiet der Gemeinde gibt es eine Straße mit dem Namen „Am Bahnhof“. Daran, dass sich hier jemals ein Bahnhof befand, können sich nur wenige erinnern. Ein großer Teil der ehemaligen Bahnstrecke vom Lager in meiner Nachbargemeinde in Richtung KZ Dachau ist heute als Radwanderweg ausgewiesen. Wie die Lager des KZ-Außenkommandos Kaufering/Landsberg unterstand das Lager in meiner Nachbargemeinde der SS-Lagerkommandantur des KZ Dachau.

In wenigen Monaten mehr als 470 Menschen ermordet.

Etwa genau vor einem Jahr bin ich (ein Zugereister) durch puren Zufall auf diese Hinweise gestoßen. Das betreffende Lager war nur wenige Monate bis Januar 1945 in Betrieb. Unter den Nationalsozialisten galt es als „Arbeitslager“ mit dem widerlichen Konzept „Vernichtung durch Arbeit“. Bis Januar 1945 wurden in diesem Vernichtungslager mindestens 472 Menschen zu Tode gequält.

Teilweise waren bis zu 1.000 Häftlinge gleichzeitig unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert. Die Häftlinge wurden per Bahn aus anderen Vernichtungslagern wie Auschwitz, aber auch aus Gettos wie Lodz meist mit einem Zwischenaufenthalt im KZ Dachau in dieses Lager überstellt. An einem einzigen Tag im September 1944 trafen über diesen Weg mindestens 922 jüdische, männliche KZ-Häftlinge ein. Ein großer Teil dieser Menschen waren polnische, jüdische Bürger. Etwas später trafen mit einem weiteren großen Transport mindestens 100 Juden aus Ungarn ein.

Unerschöpflicher Nachschub von Arbeitssklaven: Organisiert durch die SS.

Die noch arbeitsfähigen Häftlinge wurden in dem etwa 2 Kilometer entfernten Rüstungsbetrieb als Zwangsarbeiter eingesetzt, bis sie wegen Entkräftung, Misshandlungen oder Infektionskrankheiten verstarben. Die Lagerkommandanten sorgten umgehend für Ersatz aus dem KZ Dachau, aus dem KZ Auschwitz und vielen anderen Lagern. Der Großteil der verstorbenen Häftlinge wurde in einer Grube direkt neben diesem Lager verscharrt.

Ein Wohnhaus auf dem Massengrab.

Das Vernichtungslager, über das ich hier schreibe, ist völlig in Vergessenheit geraten. In den späten 40 er Jahren entstand eine kleine Ansiedlung. Erst in der Nähe des KZ-Außenlagers, einige Jahre später wurden die ersten Reihenhäuser direkt auf dem Gelände des Lagers errichtet. Auch auf dem provisorischen Massengrab entstand ein Wohnhaus.

Eine Gedenkstätte ohne Wegweiser

Einige Leichen wurden nach Auflösung des Lagers ein paar Hundert Meter weiter in einem Waldstück verscharrt. Dort entstand auch eine kleine Gedenkstätte. Jedoch existiert kein einziger Wegweiser, auch die Anwohner in unmittelbarer Nähe scheinen noch nie etwas von der Gedenkstätte gehört zu haben.

Ein Kinderspielplatz im Vernichtungslager

Heute erinnert nichts mehr an das KZ-Außenlager. Auf dem ehemaligen Gelände stehen schmucke Einfamilienhäuser. Dort, wo einst der schwer bewachte Lagereingang war, befindet sich ein Kinderspielplatz. Zwischen dem Sandkasten und der Schaukel erkennt man Reste der Grundmauern der ehemaligen Häftlingsbaracken. Dort, wo Häftlinge beim Fluchtversuch erschlagen oder erschossen wurden, stehen Werbetafeln der Ortsansässigen Handwerker.

Spielplatz auf dem Gelände des Arbeitslagers. Im Vordergrund vermutlich Reste der Grundmauern einer Baracke. Wohnhaus im Hintergrund (verpixelt).
Spielplatz auf dem Gelände des Arbeitslagers. Im Vordergrund vermutlich Reste der Grundmauern einer Baracke. Wohnhaus im Hintergrund (verpixelt).

Um die Geschichte eines Vernichtungslagers aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben, braucht es mächtige politisch engagierte Personen mit einer entsprechenden NS-Vergangenheit. Es ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass die Geschichte dieses Lagers seit mehr als 60 Jahren weder in Schulen, noch im täglichen sozialen, politischen oder gar kirchlichen Leben thematisiert wird.

Update vom 09.09.2014:

Die  Einbindung des Vernichtungslagers in das System der Konzentrationslager der Nationalsozialisten zeigt, dass dieses Lager bei weitem nicht als unbedeutend gelten kann:

Die Bedeutung des Lagers "Riederloh II", bzw. Steinholz. (Verkleinerte Darstellung)
Die Bedeutung des Lagers „Riederloh II“, bzw. Steinholz. (Verkleinerte Darstellung)

Zur Interaktiven Darstellung hier entlang. >>

Was macht man mit solchen Informationen?

Darüber habe ich beinahe ein Jahr gegrübelt. Wissen die Einwohner der jüngeren Generation in dieser Gemeinde von dem Lager? Die älteren wissen es, davon bin ich überzeugt. Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Welche jungen Familien würden wissentlich ein Einfamilienhaus direkt auf das Gelände eines ehemaligen Vernichtungslagers bauen? Wer möchte direkt über einem Massengrab wohnen, in dem mehrere Hundert ermordete Menschen verscharrt wurden? Welche Eltern würden ihre Kinder auf einem Spielplatz im Sand buddeln lassen, der sich direkt über dem „Krepier- und Totenblock“ (Zitat eines Überlebenden des Lagers) befindet?

Was wäre wenn..?

Wäre bekannt, was sich in dieser Gemeinde abgespielt hat, dann würden die Grundstückspreise ins Bodenlose abschmieren. Betroffen wären vermutlich junge Familien, die keine Ahnung hatten, wo sie wohnen, leben und ihre Kinder großziehen.

Aber die Sache weiter zu verschweigen ist unmoralisch, verlogen und wäre im Sinne vieler älterer Einheimischer, die sich immer noch bis zum Hals in der alten braunen Scheiße suhlen und das auch noch gut finden.

Ich bitte ausnahmsweise um die Unterstützung meiner Leser!

Eine extrem schwierige Entscheidung ist hier zu fällen. Veröffentlichen oder nicht? Wenn ja, wie? Wie können Unschuldige geschützt werden? Wie geht man mit den Verantwortlichen um, sofern sich noch welche auftreiben lassen? Ich hoffe deswegen auf viele Kommentare.

P.S. Daten zur Geschichte sowie Beweise wie historische Luftbilder zur genauen Örtlichkeit des Lagers liegen mir vor. Auf eine namentliche Nennung der betroffenen Gemeinde verzichte ich bis auf Weiteres.

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